Integrative Medizin?


Über die Vereinigung von Hochschulmedizin und Erfahrungsheilkunde


Von Harald Zycha

In Literatur und Internet kann man heute mehr und mehr Bemühungen um eine komplementäre Vereinigung von Hochschulmedizin und Erfahrungsheilkunde (Homöopathie und Naturheilkunde) im Sinne einer Integrativen Medizin feststellen. Diese Bestrebungen sind für sich erfreulich. Doch was ist darunter zu verstehen?


Alle bisherigen Ansätze beziehen sich offenbar auf eine komplementäre Anwendung dieser Systeme. Man meint damit die Ergänzung schulmedizinischer Therapien durch solche aus dem Bereich der Erfahrungsheilkunde. Auf der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Basis sind solche Versuche jedoch weitgehend aussichtslos, nicht ohne Grund weigern sich ja auch die Vertreter der Hochschulmedizin immer noch heftig, mit den "Alternativen" zusammenzuarbeiten. Immer wieder wird hierbei auf die fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen der Erfahrungsheilkunde hingewiesen.

Will man diesen Problemen auf den Grund gehen, so darf man mit den Betrachtungen also nicht auf der Ebene der therapeutischen Anwendungen stehen bleiben, sondern man muß sich um ebendiese wissenschaftlichen Grundlagen kümmern - aber beider Systeme!

Das klingt jetzt ketzerisch, doch es läßt sich heute schlüssig beweisen, daß die bisherige Unvereinbarkeit der beiden Systeme tatsächlich nicht das Problem der Erfahrungsheilkunde ist, sondern das der Hochschulmedizin selbst: Genau genommen besitzt nämlich gerade diese solche Grundlagen gar nicht, denn hier wäre zuallererst eine schlüssige Einsicht in das Wesen von Krankheit und Heilung gefragt, und um diese wissenschaftstheoretische Grundfrage hat sie sich - für einen medizinischen Laien sicher unfaßbar! - in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte nie gekümmert. Sie kennt eine große Menge von einzelnen Krankheiten, denen sie Namen gibt und deren Symptome sie zum Verschwinden bringen möchte, aber was Krankheit vom Prinzip her bedeutet, das weiß sie bis heute nicht!

Hier ist sie, wie überall sonst auch, blindlings der Physik gefolgt, die sich ebenfalls nie um ihre eigenen tiefsten Grundlagen gekümmert hat und deshalb zum Beispiel auch nicht die Hintergründe ihrer sogenannten "Naturgesetze" versteht.

Die Erfahrungsheilkunde muß nach ihrem eigenen Grundverständnis auf dem Primat der Erfahrung von Heilung bestehen, was immer auch naturwissenschaftliche Theorien darüber befinden mögen. Sofern man sie also wissenschaftlich verstehen will, muß sie auf einer Klärung des alle Erfahrung begründenden Krankheitsbegriffes bestehen. Niemals kann sie sich zur Beurteilung ihrer Daseinsberechtigung naturwissenschaftlichen Theorien unterwerfen, deren eigene Daseinsberechtigung jeder konsistenten Begründung entbehrt.

Wir stoßen hier auf das Kardinalproblem der gesamten Hochschulmedizin schlechthin!

In Ermangelung dieser Kenntnis des rechten Krankheitsbegriffes hat sie alle ihre Vorstellungen von Pathologie und Therapie auf einem unversöhnlichen Gegensatz von Krankheit und Heilung aufgebaut, und zwar in der Weise, daß sie die Symptome der Heilung als die der Krankheit versteht und sie deshalb bekämpft. Sie bekämpft damit die eigentlichen Prozesse der Heilung. In der Erfahrungsheilkunde besteht jedoch seit ältesten Zeiten weitgehend die Einsicht, daß das, was wir im Alltagsdenken landläufig als die Symptome der Krankheit betrachten, schon die Symptome der Heilung sind, sie ist also genau der gegenteiligen Ansicht.

Es sollte somit recht unmittelbar einzusehen sein, daß eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Hochschulmedizin und Erfahrungsheilkunde zu allererst einmal eine Einigung auf eine gemeinsame wissenschaftliche Basis voraussetzt, also eine Verständigung über das Wesen von Krankheit und Heilung. Denn wenn es stimmt, daß die erstere die Symptome der Heilung bekämpft, macht sie doch alle Bemühungen der letzteren zunichte. - Wie soll so eine "Zusammenarbeit" überhaupt funktionieren?

Da der Laie und sogar auch die meisten Mediziner diese Problematik nicht kennen, sehe ich es als eine erste Aufgabe, diese im Folgenden zu erläutern. Ich beginne mit einem Hinweis auf einige ganz fundamentale Tatsachen, die grundsätzlich auch jedem Schulmediziner bekannt sind, aber in diesem Zusammenhang doch niemals beachtet werden. Es sind überaus eindrückliche Zahlen, die das "Innenleben" eines menschlichen Organismus charakterisieren und jeden Menschen eigentlich sofort zu ernstem Nachdenken bringen sollten:

Der Mensch besteht aus circa 10 Billionen Zellen, von denen in jeder Sekunde 10 Millionen Zellen ausgetauscht werden! Und in einer einzigen Körperzelle finden pro Sekunde etwa eine Million Übertragungsbefehle statt, die nichts anderes zum Ziel haben, als die jeweils beste Funktionsfähigkeit des Organismus zu gewährleisten. Das ergibt für den ganzen Körper 10 hoch 19 Einzelbefehle pro Sekunde!!

Abgesehen von der Frage, wer oder was das alles organisiert und steuert, ein göttliches Wesen oder die (vom Menschen formulierten) "Naturgesetze", muß sich doch jeder, der nur wirklich etwas darüber nachdenkt, fragen, wie bei einer solchen unvorstellbaren Hektik, von der nochmals viel größeren auf der Ebene der Moleküle oder gar der Elementarteilchen ganz zu schweigen, ein Lebewesen überhaupt existieren kann, das nach außen hin über Jahre hinweg unverändert erscheint. An dieser Grundfrage alles Lebens überhaupt darf man nicht vorbeigehen, wenn man das Wesen von Gesundheit, Krankheit und Heilung verstehen will, denn hier liegt der Schlüssel für das Verständnis!

Ich finde es geradezu unbegreiflich, daß dennoch kaum jemand auf die Idee kommt, über dieses doch so offen vor uns liegende Problem nachzudenken!

Es ist heute allerdings bekannt, daß solche Fragen nicht über die Physik zu beantworten sind, die selbst nur eine Wissenschaft von toter Materie ist, also das Leben nicht versteht. Und sicher deswegen meidet auch die der Physik blindlings folgende Hochschulmedizin solche Fragen tatsächlich wie der Teufel das Weihwasser.

Hier kommt vielmehr die Kybernetik zum Zuge: Jedes Lebewesen ist als ein unendlich komplex organisiertes Regelsystem aufzufassen, das auf jede äußere Einwirkung im Sinne seiner Funktion antwortet, zu der in erster Linie das Überlebensprinzip gehört. Auf alle äußeren Reize antwortet es mit dem Ziel der Selbsterhaltung. Seine äußere, weitgehend statische Erscheinung, an der eines das andere erkennt, ist erst das Ergebnis aller dieser Regelprozesse, wie übrigens zum Beispiel auch in der Physik die Spektrallinien eines bestimmten chemischen Elements, an denen man dieses in der Spektralanalyse erkennt. - Das alles ist den Naturwissenschaftlern und Medizinern bekannt.

Die Erfüllung dieser Funktion dürfen wir mit Gesundheit gleichsetzen: Das Regelsystem befindet sich in einem dynamischen Gleichgewicht mit allen störenden, gegebenenfalls pathogenen Einflüssen seiner Umgebung, das man Homöostase nennt. Seine äußere Erscheinung als Mensch ist hier: gesundes Aussehen der Haut, normale Körpertemperatur usw. Das bedeutet also keineswegs, daß sich der menschliche Organismus nicht mit äußeren Belastungen auseinandersetzen müßte, das Gegenteil ist vielmehr fortwährend der Fall, doch kann der Körper diese Belastungen innerhalb der Homöostase ausregeln, sodaß ihm nichts anzumerken ist.

Größere Belastungen erfordern jedoch größere Regelanstrengungen, wie wir es auch von jedem technischen Regler kennen. Dieses geänderte Regelverhalten führt zu einem etwas anderen Ergebnis der Regelprozesse und damit zu einer geänderten strukturellen Erscheinung, wie etwa Fieber, Ausschläge usw., die uns als Krankheitssymptome auffallen. Das bezeichnet man konventionell als Krankheit.

Da aber die strukturbildenden kybernetischen Prozesse von ihrem Wesen her immer die gleichen sind, sind auch die jetzt erscheinenden Krankheitssymptome nichts vom Körper wesentlich Verschiedenes, sondern nur temporäre Veränderungen der gebildeten Gesamtstruktur. Was ist also jetzt noch der Unterschied zwischen diesen beiden Situationen?

Gar keiner!! Die Symptome, die wir in unserem Alltagsdenken als die der Krankheit betrachten, sind in Wahrheit nur die sichtbaren Zeichen der vom Organismus mit größerem Aufwand angestrengten regulativen Selbstheilung. Das ergibt jetzt die für das heutige Denken gewiß höchst provokative Formel: Krankheit ist Heilung!

So wußten es aber immerhin schon so manche der großen Ärzte der Vergangenheit. Für die gegenwärtige Hochschulmedizin bedeutet das nun eine ganz unerhörte Herausforderung, denn sie hat ihr ganzes, über ein Jahrtausend gewachsenes gigantisches Theoriengebäude auf einer vollständigen Trennung dieser beiden Begriffe aufgebaut!

Der konventionelle Mediziner und jeder diesem folgende Laie wird jetzt sicher einwenden wollen, daß das so doch nicht sein könne; wo bleibt denn die Anerkennung des wirklich nicht zu übersehenden medizinischen Fortschritts? Wieviele Menschenleben sind heute zu retten, die früher verloren waren?

Ja, das stimmt, doch es wird übersehen, daß dieser Fortschritt nur einen bestimmten Bereich der Medizin positiv betrifft, im anderen sieht es gerade umgekehrt aus: Positiv vermerken können wir alle solchen Fälle, in denen tatsächlich Menschenleben gerettet werden, ganz besonders durch den Einsatz einer heute fast ans Wunderbare grenzenden Chirurgie, und auch medikamentöse Therapien können in diesem Sinne helfen.

Aber Heilung ist etwas anderes: Jede schulmedizinische Therapie ist von unerwünschten Nebenwirkungen begleitet, und diese führen oft zu neuen Krankheiten, für die wieder neue Therapien nötig werden, und so fort. Nebenwirkungen gehören heute buchstäblich zum medizinischen Alltag, ja man kann sich gar keine Behandlung mehr ohne solche denken. Und im gegenwärtigen medizinischen Denken kann man nicht erkennen, daß gerade diese Nebenwirkungen der Ausdruck der oben kritisierten falschen Vorstellung von Krankheit und Heilung sind!

Und so verschlechtert sich der allgemeine Gesundheitszustand der Menschen von Jahr zu Jahr: Die Anzahl von chronisch Kranken nimmt in einem Besorgnis erregenden Ausmaß zu, und über 40% aller Krankheiten sind heute überhaupt als iatrogen anzunehmen, das heißt, von einer ärztlichen Behandlung erst verursacht! Man denke auch an den zunehmenden Hospitalismus: Immer mehr Patienten infizieren sich erst in den Krankenhäusern mit schwerwiegenden Krankheiten. Ganz zu schweigen von der bedrückenden Zunahme von Behinderten, die heute geradezu schon fast das "normale" Straßenbild prägen. Und die Krankenkassen müssen das alles bezahlen, sie sind am Zusammenbrechen! - Sollen wir all diesen "Fortschritt" bejubeln?

Jeder, der diese Situation zur Kenntnis nimmt, sollte jetzt bereit sein, über das oben angesprochene "Kardinalproblem der Hochschulmedizin" nachzudenken. So verwirrend nun alle diese Aussagen auch sein mögen, es läßt sich aber doch Ordnung in diese Problematik bringen, und das ist sogar unsere große Chance: Wir müssen nur die beiden großen Systeme der Medizin - Hochschulmedizin hier, Erfahrungsheilkunde dort - zunächst trennen und danach auf einer anderen Ebene wieder zusammenbringen:

Das Trennende sind ihre Domänen, ihre besonderen Stärken: Die Hochschulmedizin hat sich zu einer ausgesprochenen Notfallmedizin entwickelt, in fast aussichtslosen Fällen kann sie Leben retten. Aber den Heilungsauftrag hat sie weitgehend aus den Augen verloren, das fehlende Wissen um den Krankheitsbegriff trübt ihren Blick. Die Erfahrungsheilkunde hingegen, einschließlich der Homöopathie, die ihr sogar das Paradigma jeder echten Heilung überhaupt geliefert hat, ist eine Medizin der Heilung. Diese hat aber dafür nicht die großen Möglichkeiten, in Notfällen noch Leben zu retten.

Das Verbindende wäre nun, die Grenzen seines eigenen Systems zu erkennen und die Stärken des anderen zu respektieren. Erst wenn das gelingt, werden sich beide Systeme komplementär vereinigen lassen zu einer Integrativen Medizin ohne Fragezeichen!

Eine allseitige Einsicht in das Wesen von Krankheit und Heilung wäre dafür die erste Bedingung, ein beiderseits guter Wille zu einem konstruktiven Dialog die nächste.

Quelle: http://www.gesundheitlicheaufklaerung.de/integrative-medizin-vereinigung-hochschulmedizin-erfahrungsheilkunde

Eine ausführliche Behandlung dieser Problematik und ihrer Hintergründe des Autors Dr. rer. nat. Harald Zycha befindet sich in dem Buch "Natur Ganzheit Medizin" (ISBN: 978-3-8423-1973-8), vorgestellt auch im Internet unter http://www.natur-ganzheit-medizin.at/.

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Thomas Friedrich-Hett (Dipl.-Psych. und exam. Krankenpfleger) ist seit über 20 Jahren in psychiatrischen Kontexten tätig. Er ist Lehrtherapeut für systemische Therapie und Beratung (viisa, SG) und arbeitet freiberuflich als Referent, Berater und Supervisor.

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