Typisch Professor. Wer sonst käme auf die Idee, jedermann Geld in die Hand zu drücken? Einfach so, ohne Vorbedingung, ohne Gegenleistung, und das ein Leben lang? So ungefähr muß man sich vorstellen, was Götz Werner einführen möchte: ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Weltfremd? Werner leitet seit zwei Jahren das Institut für Interfakultative Entrepreneurship an der Universität Karlsruhe. Nebenbei - denn hauptberuflich ist er Unternehmer. Als Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm beschäftigt er heute 23 000 Menschen, macht im Jahr 3,3 Milliarden Euro Umsatz und steht mit beiden Beinen im Wirtschaftsleben. Und auch die Forderung eines Grundeinkommens versteht er nicht als bloßes Denkspiel. Sondern als ernst gemeinten Vorschlag, mit der Arbeitslosigkeit fertig zu werden.
Ein Zeichen von Wohlstand
Alles klar? Werner versteht das Grundeinkommen als Reaktion auf Produktivitätssteigerungen. Maschinen erledigen immer mehr Arbeit, für den Menschen bleibt immer weniger zu tun. So gesehen, ist Arbeitslosigkeit kein Mangel, sondern gerade ein Zeichen von Wohlstand. „Wir leben heute in einem Einkaufsparadies - unsere Fähigkeit, Güter und Dienstleistungen hervorzubringen, ist größer als die Bedürfnisse der Menschen. Die gesamtwirtschaftliche Aufgabe ist, die Menschen mit Einkommen zu versorgen." Werner fordert daher „Radikalreform statt Banalreformen".
Andererseits - gibt es nicht bereits das Arbeitslosengeld II (ALGII)? Es wirkt unscheinbar, doch das Auge des Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel erkennt bereits in ihm ein Grundeinkommen. Ein Eindruck, den auch Diakonie-Präsident Jürgen Gohde teilt: „Augenblicklich leben rund 700000 Menschen vom ALGII und nutzen es als Grundsicherung." Vielleicht ist es also doch nicht so befremdlich, was Werner fordert. Aber was wäre dann daran radikal?
Zunächst die enorme Vereinfachung. Das Grundeinkommen würde nicht nur Arbeits- und Sozialhilfe zusammenfassen wie das ALG II. Von der Arbeitslosenunterstützung über den Heizkostenzuschuß bis zum Kindergeld würden alle 138 verschiedenen Formen der deutschen Sozialhilfe von dem einen Grundeinkommen abgelöst werden.
Die absehbare Folge: Rationalisierungseffekte, wie sie aus der Industrie bekannt sind, würden auch in die Amtsstuben der Sozialbürokratie einziehen. Sachbearbeiter und Fallmanager hätten plötzlich viel weniger zu tun. Auch für sie würde interessant, was die verschiedenen Konzeptionen des Grundeinkommens zum zweiten, wichtigeren Punkt zu vermerken haben: der Arbeitslosigkeit.
Alle Spielarten haben eines gemein: die Entkoppelung von Lohnarbeit und Einkommen. Essen soll auch, wer nicht arbeitet. Nicht aus karitativen Erwägungen, sondern aus dem Eindruck heraus, daß der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gar nicht mehr zu gewinnen ist. Ist es da nicht eine Zumutung, von Arbeitslosen zu verlangen, sie sollten eine Beschäftigung suchen? Ist es nicht ehrlicher, jedem einfach Geld zu geben?
„Das ist ein grundsätzlich anderer Gesellschaftsentwurf", sagt der Sozialexperte Jochen Pimpertz vom Kölner Institut für Wirtschaft (IW). „Unsere Leitvorstellungen von Subsidiarität und Eigenverantwortung wären völlig dahin." Das bestehende System unterstützt Menschen, die nachweislich in Not geraten sind und sich bemühen, dort wieder herauszukommen. Schon jetzt gibt es Fälle, bei denen die Versorgung das Problem erst schafft, das sie lindern soll: Erreichen die Transferleistungen des Staates eine bestimmte Höhe, so besteht für den Einzelnen kein Anreiz mehr, eine niedrig bezahlte Tätigkeit anzunehmen. Solche Tätigkeiten werden auch nicht mehr angeboten; sie verschwinden vom Arbeitsmarkt, weil niemand sie mehr annimmt: ein Teufelskreis.
Kombilöhne sind ein Versuch, dieses Problem in den Griff zu bekommen - und eine Form, in der die Idee eines Grundeinkommens bereits enthalten ist. Der Staat stockt den Lohn für eine schlecht bezahlte Arbeit so auf, daß es auch für den Empfänger von Arbeitslosengeld II attraktiv wird, ihn auszuüben. Die Gefahren liegen auf der Hand: Der Arbeitgeber ist versucht, immer weniger Geld für die Arbeit anzubieten - der Staat zahlt ja die Differenz.
Sozialhilfe vom Finanzamt
Um solche Mitnahmeeffekte auszuschließen, ließe sich die Unterstützung auch als negative Einkommenssteuer fassen. Der Steuerpflichtige führt einen bestimmten Prozentsatz seines Einkommens ab und erhält vom Finanzamt einen Fixbetrag zurück. Hat er nichts oder nur wenig zu versteuern, dann ist es unter dem Strich das Finanzamt, das mit dem Fixum draufzahlt. Eine solche Form der Grundsicherung („Eamed Income Tax Credit") existiert in den USA bereits seit 1975.
In Großbritannien bringt die Negativsteuer ein zusätzliches Einkommen von bis zu 6150 Euro pro Jahr.
Interessanter Nebeneffekt dieser Regelung: Die Sozialhilfe (der Fixbetrag) gibt es vom Finanzamt. Unter dem Namen Bürgergeld wird die negative Einkommenssteuer auch in Deutschland diskutiert: Die FDP hat sich 1995 zum Ziel gesetzt, Transferzahlungen in dieser Form zu organisieren. Das Bürgergeld soll allerdings nur erhalten, wer bedürftig ist und eine zumutbare Arbeit nicht ablehnt. Für Geringverdiener soll es wie ein Zuschuß zum Lohn gezahlt werden. Das Ganze ist also eine Art Sozialhilfe ; eingebautem Kombilohn. Der Vorteil läge vor allem in der Vereinfachung der Sozialleistungen.
Götz Werner, die PDS und die Globalisierungskritiker von Attac gehen weiter. Sie stimmen Autoren wie dem amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin zu, der bereits vor Jahren „Das Ende der Arbeit" kommen sah. Gemeint ist die Lohnarbeit. Andere Formen der Arbeit, in Vereinen etwa oder im sozialen Bereich, fallen weiterhin an. Nur gibt es dafür kein Geld. Das möchte Rifkin ändern. Er will freiwillige, gemeinnützige Arbeit durch ein Sozialeinkommen entlohnt sehen. In die gleiche Richtung gehen Vorschläge des Soziologen Ulrich Beck. Das ist nützlich für die Gesellschaft und finanziell befriedigend für denjenigen, der die Arbeit tut. Das Ganze läuft darauf hinaus, neben der normalen Erwerbsarbeit einen gemeinnützigen Sektor zu etablieren, in dem die Gesellschaft Tätigkeiten finanziert, für die bisher niemand bereit ist, Geld zu zahlen.
Nicht nur für Arbeitslose
Und nun ist es nur noch ein Schritt zum bedingungslosen Grundeinkommen als Rechtsanspruch für jedermann. „Jedermann" heißt: Nicht nur für den Arbeitslosen, der sich um eine Stelle bemüht; überhaupt nicht nur für Arbeitslose, sondern auch alle, die eine Stelle haben, erhalten ein Einkommen vom Staat. „Dieser Anspruch ergibt sich aus der Menschenwürde", sagt Ludwig Paul Häußner, Assistent an Werners Lehrstuhl in Karlsruhe. Und er wirbt: „Gerade für die Diakonie wäre das interessant: Viel mehr Menschen könnten sich in der Sozialarbeit engagieren, wenn sie sich nicht um ihr Einkommen kümmern müssten." Verpflichtet wären sie dazu aber nicht. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen könnten sie sich ebenso gut aufs Sofa legen und fernsehen.
Wie Götz Werner kommt auch Häußner aus der Wirtschaft. Als Manager in einer Schraubenfabrik hat er erlebt, wie sich die Produktivität im Laufe weniger Jahre immens gesteigert hat. Der Charme des Grundeinkommens liegt für ihn nicht nur darin, dass es den Leuten die Möglichkeit gibt, Schrauben zu kaufen. Nein, die Arbeit könnte auch billiger werden. Der Grund: Die Leute haben ja schon ihr Grundeinkommen.
Ein Nirwana-Ansatz
Ob diese Rechnung aufgeht, scheint allerdings fraglich. „Das Arbeitslosengeld II jedenfalls hat die Dynamik aus der Lohnentwicklung nicht herausgenommen", bringt der IW-Experte Pimpertz in Erinnerung. Plausibler wirkt daher die Annahme, dass Arbeitgeber sich künftig stärker um die Arbeitskraft der Grundeinkommensbezieher bemühen müssten. Ins Ökonomische übersetzt heißt das: Wer ein Grundeinkommen hat, wird sich überlegen, ob er als Müllmann arbeiten will. Soll der Abfall trotzdem weggeräumt werden, muß diese Arbeit teurer bezahlt werden als heute - was wiederum den realen Wert des Grundeinkommens verringern würde.
Finanziert werden soll das Einkommen Häußner zufolge aus einer Anhebung der Mehrwertsteuer auf bis zu 24 Prozent und einer Senkung der leistungshemmenden Einkommenssteuer. Auch hier hat Pimpertz Einwände: „Ein Nirwana-Ansatz - eine hohe Mehrwertsteuer - schafft internationale Probleme, weil sie Einfuhren verteuert. Wer allein auf ein Grundeinkommen angewiesen ist, für den wird die Apfelsine oder der Citroen teurer, der ist also auf inländische Produkte angewiesen." Aber dem Modell zufolge wird er ja freiwillig arbeiten.
Unerwünschte Effekte
Der Wirtschaftswissenschaftler Bruno Kaltenborn hat diesen und andere Vorschläge zur Reform des Sozialsystems bereits 1998 durchgerechnet und kommt zu dem Schluß, daß sie hohe Kosten und Nebeneffekte mit sich brächten. „Die Vorschläge für eine ,Grundsicherung' von Grünen, PDS und Paritätischem Wohlfahrtsverband mit umfassender sozialpolitischer Zielsetzung für eine materielle Verbesserung zugunsten grundsätzlich der gesamten Armutspopulation erweisen sich als sehr kostenträchtig und haben überdies unerwünschte, teilweise sehr bedeutsame Arbeitsmarkteffekte."
In seiner radikalen, ohne den Nachweis der Bedürftigkeit gewährten Form scheint das Grundeinkommen mithin problematisch: Legt man es hoch aus - Werner spricht von 1300 bis 1500 Euro im Monat, etwa das Doppelte der heutigen Sozialausgaben - und wertet das Leben ohne Job zudem sozial auf, dann würde ein großer Teil der Menschen seinen Arbeitseinsatz reduzieren. Je mehr Menschen sich aber ganz oder teilweise aus der Arbeitswelt zurückziehen, um so stärker schrumpft das volkswirtschaftliche Einkommen, das zur Finanzierung eines großzügigen Grundeinkommens nötig wäre.
Wird das Grundeinkommen aber so niedrig angesetzt, dass es gerade zum Überleben reicht, dann wäre es nicht mehr als eine Art Hartz IV für alle. Die meisten Beschäftigten würden an ihrem Job festhalten, und die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen wäre gescheitert. Armut, die in Bezug auf das Durchschnittseinkommen definiert wird, wäre nicht beseitigt und die soziale Lage der Arbeitslosen kaum besser als heute.
Entscheidend ist die Frage, wie die Menschen mit dem Gratis-Geld umgehen würden. Häußner ist optimistisch: „Zutrauen veredelt den Menschen", zitiert er den Freiherrn von Stein, „ewige Bevormundung hemmt sein Reifen." Pimpertz hat dafür nur Skepsis: „Eine heroische Annahme."
Martin Wiegers
Quelle: Diakonie Report 3/2006, 20-23
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Neue Perspektiven für Beratung und Therapie älterer Menschen

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Thomas Friedrich-Hett (Dipl.-Psych. und exam. Krankenpfleger) ist seit über 20 Jahren in psychiatrischen Kontexten tätig. Er ist Lehrtherapeut für systemische Therapie und Beratung (viisa, SG) und arbeitet freiberuflich als Referent, Berater und Supervisor. Webseite: http://www.mics.de