Von Katja Thimm
Als der Rundfunkpfarrer im Radio zum gekreuzigten Jesus betet, zieht mein Vater um. Es ist Karfreitag, im März 2005, die Sonne scheint, und Vögel zwitschern. Ich steuere das Auto entlang der stuckverspielten Villen mit ihren Rosen und Rondellen in den Vorgärten. Die meisten Beamten und Minister leben mittlerweile in Berlin. Eine gediegene Behäbigkeit ist Bad Godesberg geblieben.
Mehr als dreißig Jahre lang arbeitete mein Vater in diesem Bonner Stadtteil, grüßte morgens um acht den Pförtner des Ministeriums, das, war wieder einmal eine Wahl vorüber, wieder einmal anders hieß. "Er arbeitet im BMJFG", so plapperte ich in der Grundschule, stolz, mir dieses Ungetüm gemerkt zu haben. "Im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit." Irgendwann trug es auch die "Frauen" im Namen, irgendwann waren mein Vater und sein Minister nur noch zuständig für "Gesundheit".
Manchmal, wenn er meinte, auch auf das eigene Wohlergehen achten zu müssen, fuhr er mit dem Fahrrad ins Ministerium und setzte mit der Fähre über den Rhein. Er besaß eine orangefarbene Pelerine, die er bei Regen überstreifte, und es störte ihn nicht, daß sie häßlich war. Er fand sie praktisch. Meist aber nahm er das Auto. Er brauste los im Siebengebirge und stand auf der Brücke über dem Fluß im Stau, denn Hunderte andere Beamte der Bonner Republik hielten es wie er.
Was er genau tat in seinem Ministerium verstand ich nicht. Er ärgerte sich über Frau Focke, Frau Huber, Frau Fuchs und Herrn Geißler - gesichtslose Namen meiner Kindheit, doch mächtig genug, ein Wochenende zu verdüstern. Als 1994 die Abgeordneten den Umzug der Regierung nach Berlin beschlossen, wäre er, inzwischen dreiundsechzig Jahre alt, gern mitgezogen. Er liebte Berlin. "Schade, daß du zu alt bist", sagte ich leichthin, als er die Absage erhielt; ich würde bald selbst arbeiten. Besuchte ich meine Eltern in den Semesterferien, konnte wie früher ein Minister das Wochenende verdüstern, er hieß nun Seehofer und mit Vornamen wie mein Vater, der, auch das hatte sich nicht geändert, abends wortkarg zum Gongklang der Nachrichten aus dem Ministerium nach Hause kam. Horst Thimm mochte es nicht, wenn jemand redete, während der Fernsehmann das Weltgeschehen verlas.
"Lasset uns beten", spricht der Pfarrer im Radio. In ein paar Minuten werden im Godesberger Villenviertel die Kirchenglocken läuten, und der Westdeutsche Rundfunk wird Nachrichten senden. Ich höre gern Nachrichten und lasse mich ungern dabei stören. "Lasset uns beten für alle, die sich der Last ihres Lebens nicht gewachsen fühlen, ewiger Gott, wir bitten dich." Auf dem Autorücksitz klappern in den Kartons Bilderrahmen und Geschirr, dreimal Gedeck, dreimal Besteck, zwei Gläser für Bier, vier für Wein, vier für Wasser. Ein scharfes Messer. Der Lieferwagen des polnischen Kleinunternehmers, der beim Umzug hilft, ist bereits am Ziel. Er hat zwei Sessel transportiert, das Bett, einen Stuhl, einen Tisch, die Regale, die Bücher. Es ist Karfreitag, die Sonne scheint, Vögel zwitschern, und mein Vater wird fortan im Seniorenheim leben. Im Garten dieser Unterkunft blühen violette Krokusse.
Demografischer Wandel. Pflegenotstand. Medinizischer Dienst der Krankenversicherungen. Es werden viele Vokabeln aus dem unfassbaren Nachrichtenfluß handgreiflich, wenn der eigene Vater in ein Heim umzieht. Vorangegangen waren Monate der Suche.
Es wäre mir lieber gewesen, er hätte zu denen zählen können, die zu Hause Pflege und Hilfe erhalten. Es sind dies fast so viele wie in Hamburg wohnen, 1,8 Millionen. Es war nicht möglich. So lebt er in einer Einrichtung, und Altenpfleger, Köche, Putzhilfen, Wäschefrauen und Sozialpädagogen teilen im Schichtdienst seinen Alltag. Sie helfen den Bewohnern auf die Toilettenbrille, bewegen sie mit einer elektrischen Hebehilfe vom Bett in den Rollstuhl, versehen Kleidung mit Namensschildern, leeren Mülleimer, assistieren beim Essen oder spielen mit den Alten Mensch ärgere Dich nicht. Es leben mehr Menschen in Deutschland in einer solchen Einrichtung als in Frankfurt am Main, 720.000.
Als es immer schwieriger wurde, allein in seiner Wohnung, gehörte mein Vater zu einer Gruppe, so zahlreich wie die Einwohner von Stuttgart. Die meisten Menschen gehören irgendwann einmal zu Stuttgart. Sie brauchen noch keine Pflege, doch Unterstützung, denn sie scheitern an Bankgeschäften, Kleiderkäufen und der durchgebrannten Glühbirne ganz oben in der Deckenlampe. Noch in den ersten zwei Jahren im Altersheim zählte mein Vater zu Stuttgart.
Nie zuvor wurden in diesem Land so viele Menschen so alt. Frauen, die in diesen Tagen ihren achtzigsten Geburtstag feiern, begehen aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch den neunundachtzigsten, Männer den siebenundachtzigsten. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich in vierzig Jahren auf 4,4 Millionen verdoppelt haben, die der Demenzkranken auf 2,5 Millionen. Einmal Sachsen, einmal Brandenburg. So lauten die Prognosen.
Nie zuvor wurden in diesem Land so wenige Menschen geboren. Sollte ich achtzig Jahre alt werden, so alt, wie mein Vater inzwischen ist, werden mir in den Statistiken nur noch fünf Deutsche gegenüberstehen, die jünger sein werden als ich.
Das Geld aus der Pflegeversicherung reicht, ohne eine Beitragserhöhung, noch drei Jahre. Es deckt schon jetzt nicht alle Kosten; mancher zahlt allein für die Pflege, die er benötigt, im Monat siebenhundert Euro selbst. Und jene, die das nicht können, weil dann nichts bliebe für Miete und Mahlzeiten, benötigen "Hilfe zur Pflege", eine Art Hartz IV für Alte. Es sind bereits so viele, wie in Freiburg wohnen, 220.000.
Der hundertfach verplätscherte Appell aus Talkshows und Sonntagsreden dröhnt, wenn plötzlich der eigene Vater, die eigene Mutter nicht mehr können: Der demografische Wandel ist die dringlichste Aufgabe unserer Gesellschaft! Er ist ein Gradmesser für ihre Menschlichkeit! Mit einem Mal redet man genauso.
Und blickt um sich und sucht Unterstützung.
Da ist Kristina Schröder; die Familienministerin will eine "Familienpflegezeit" einführen, jeder soll zwei Jahre lang die Arbeit auf fünfzehn Stunden in der Woche reduzieren können, um sich den alten Eltern zu widmen. Da ist Philipp Rösler, der Gesundheitsminister, er hat 2011 zum "Jahr der Pflege" erklärt und will reformieren.
Ginge es nach ihm, sollte jeder in einer Art Lebensversicherung zusätzliche Rücklagen für die drohende Gebrechlichkeit bilden. Auch die Frage, wer eigentlich pflegebedürftig ist, will er neu beantworten. Noch addiert ein Gutachter die Minuten, die es dauert, einem alten Menschen bei den notwendigen Verrichtungen zur Hand zu gehen - Hilfe beim Zähneputzen, Hilfe beim Ankleiden mit Schuhen, Hilfe beim Ankleiden ohne Schuhe. Eineinhalb Stunden am Tag ergeben Pflegestufe 1, drei Stunden Stufe 2, fünf Stunden die dritte. Doch die Not und Verlorenheit, die Vergessen und Demenz mit sich bringen, berücksichtigen diese Rechnungen kaum. Vor zwei Jahren schlug ein Expertenbeirat im Auftrag des Gesundheitsministeriums Reformen vor, um das zu ändern. Sie fanden viel Zustimmung. Seither ruhen sie.
Ohnehin ahnt jeder, dessen Eltern plötzlich nicht mehr können, daß diese Herausforderung, dieser demografische Wandel allein staatlich finanziert und gelenkt nie wird bewältigt werden können. Es kann nur gelingen, wenn jeder Verantwortung übernimmt. Alle.
Längst kümmern sich mindestens vier Millionen Frauen und Männer um ihre alten Angehörigen, bis zu 37 Stunden in der Woche. Und die Anzahl der Ehrenamtlichen, die Senioren betreuen, steigt. Doch in der Öffentlichkeit wird selten davon gesprochen. Vor allem die berufstätigen Angehörigen schweigen. Es gilt nicht als karrierefördernd, zwischen zwei Geschäftsterminen die Windel der Mutter zu erneuern oder eine Wechseldruckmatratze für den Vater zu besorgen.
Zu Zwei Dritteln sind es die Frauen, die Sorge tragen, es ist die alte eingeübte Rolle. Doch der Anteil der Männer nimmt zu, und auch die Zahl jener eher jungen erwachsenen Kinder, wie ich eines bin, wächst. Viele sind kaum vierzig Jahre alt, manche selbst erst Eltern geworden, sie arbeiten - und plötzlich ist da noch eine Verantwortung. Familie und Beruf zu vereinbaren, heißt mit einem Mal, auch den Vater, die Mutter zu versorgen.
Meist, und vielleicht birgt das die größte Schwierigkeit, sind sie wenig vertraut mit dem Innenleben dieser Eltern. Der Vater war immer der Vater, die Mutter immer die Mutter. Nun sind sie bedürftige Wesen und werden von mächtigen Erinnerungen bestimmt, die sie von ihren Kindern stets ferngehalten haben.
Auch ich wusste nichts von der jahrelangen Haft meines Vaters in einem Zuchthaus der DDR, nichts von den Leichen, die er in Brandenburg aus den Kriegstrümmern barg, nichts von seiner Flucht aus Ostpreußen. Jedenfalls wusste ich nichts Genaues über die Biografie von Horst Hubert Werner Thimm, Jahrgang 1931. Ich fand ihn oft unverständlich wie seine Arbeit im Ministerium; er war karg und großzügig, strikt und liebevoll, prinzipientreu und stur, immer zuverlässig und manchmal schrecklich anstrengend.
Es ist die Generation der Kriegskinder, die da gerade alt wird, jene zwischen 1929 und 1945 geborenen Männer und Frauen, deren frühes Leben von Bomben, Tod, Hunger, Flucht, Vertreibung oder der Furcht vor Vergewaltigung bestimmt war. Zu alt, um der 68er-Bewegung anzugehören, und zu jung, um die Greuel des Nationalsozialismus zu verantworten, waren sie lange kein Thema gesellschaftlicher Debatten. Sie selbst hatten früh gelernt, zu schweigen. In der Kindheit war ihnen eine Härte gegen sich selbst gepredigt worden, die der von Krupp-Stahl gleichen sollte. Und als alles vorüber war, und sie ihren Platz im Leben gefunden hatten, schwiegen sie fort. Achtzig Prozent der ehemaligen Kinder dieses Krieges haben nie von jener Zeit erzählt.
Allerdings - wer hätte ihre Geschichten auch hören wollen? Mir hätten sie noch vor einigen Jahren nicht gefallen. Geboren 1969, wuchs ich auf mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands. Ein friedensbewegter Pastor konfirmierte mich, meine Lehrer berichteten von 1968 und linksintellektuelle Professoren nahmen meine Universitätsprüfungen ab. Ich interessierte mich nicht für deutsche Kriegskinder. Ich hätte es revanchistisch gefunden, mich für die Söhne und Töchter der Täter zu interessieren. Aber sie waren Kinder. Mitten im Krieg.
"Es fehlt uns eine vorbehaltlose vertraute Nähe zueinander", sagt Hartmut Radebold, der 75 Jahre alt ist und selbst ein Kriegskind. Seit Jahren forscht er über die späten Folgen des Zweiten Weltkriegs. Der Professor für Klinische Psychologie kennt das feinnervige Verhältnis zwischen beiden Generationen auch aus der eigenen Familie. "Wir Kriegskinder haben unseren Töchtern und Söhnen eine äußerlich sichere Kindheit zur Verfügung gestellt", sagt er. "Taschengeld, Spielzeug, Reisen - all das, was wir nicht hatten. Aber wir haben sie nach Normen erzogen, die ihnen unzugäglich waren und die sie nicht verstehen konnten, weil wir uns nie geöffnet haben."
Iß den Teller leer. Geh sorgsam mit den Sachen um. Sei sparsam. Hüte dich vor Fremden.
"Viele dieser nun erwachsenen Kinder haben uns Eltern früher so erlebt, als hätten wir ihre alltäglichen Sorgen nicht ernst genommen", sagt Hartmut Radebold. "Den Ärger in der Schule, den Streit mit den Freunden. Und wahrscheinlich haben wir ihnen auch unbewusst zu verstehen gegeben, daß sie mit solchen Kleinigkeiten allein klarkommen müssen. Wir hatten schließlich einen Krieg überlebt. Aber irgendwann erzählten auch die Kinder nichts mehr von ihrem Kummer. So wußten beide Seiten oft nicht voneinander, was sie wirklich beschäftigt."
Als sich abzeichnete, daß die Zeit für eine letzte große Reise gekommen war, besuchten mein Vater und ich Masuren. Umgeben von den Seen seiner Kindheit, hörte ich schließlich zu. Und er erzählte. Von dem Försterjungen, der er einmal war, der mit der kleinen Schwester auf einen Schlitten stieg, in Kulk am Lenksee, und sich in einen Treck einreihte, im Januar 1945. Dreizehn Jahre alt und ohne die Eltern, der Vater war Soldat, die Mutter bei der sterbenden Großmutter im brandenburgischen Eberswalde. Spiegelglatte Landstraßen, Hunderttausende Flüchtlinge. Verendende Pferde, verendende Menschen.
"Und auf der Nehrung, da entluden sie alle ihre Wagen, um auf dem sandigen Untergrund leichter voranzukommen. Überall standen Körbe mit Kochtöpfen und Wäsche, und dazwischen Großmütter, tot, mit dem Rücken hingesetzt an einen Kiefernbaum. Und die Kinder, Ersttagskinder, geboren auf der Flucht. Lebend ließ man sie hinunterfallen, weil die Mütter keine Kraft zum Stillen hatten, und der nächste fuhr darüber hinweg. Manchmal legte sich ein Pferd zum Sterben lang, die Fußgänger schnitten das Fleisch aus dem noch lebenden Tier. Und die Pferde, die hatten so einen Gesichtsausdruck, als wollten sie es nicht glauben."
"Was hast du damals gedacht?"
"Ich habe nicht viel gedacht. Man muß hier durch, irgendwie. Es war ja auch nicht möglich, mal eben zu wenden und zurückzufahren. Der Treck hatte eine Eigendynamik, er sah aus wie eine Ziehharmonika, kilometerlang, die irgendwo in der Ungewißheit enden würde. Immerhin, unsere Sehnsucht, das alles zu meistern, hatte ein Ziel: Treffpunkt Eberswalde! Da wartet die Mutter, und wenn er den Rückzug schafft, auch der Vater. Die Brüder. Und die ältere Schwester. Tatsächlich war sie zu dem Zeitpunkt bereits tot."
"Wie lange warst du unterwegs?"
"Am 21. Januar, am späten Nachmittag, sind wir losgezogen. Mitte März kamen wir in Eberswalde an."
"Und dann?"
"Dann habe ich erst einmal gebadet. Allen Dreck wollte ich loswerden. So ein Bad ist ja doch ein kleines Therapeutikum."
Eine Wanne wäre schön", sagt mein Vater, wenige Wochen vor dem Umzug in das Altersheim. Er liegt in einem Krankenhaus, und ich sitze neben seinem Bett, zornig, traurig über seine Badefreuden. Am Abend zuvor hat er es nicht mehr herausgeschafft, aus der Badewanne in seiner Wohnung, immer wieder sank sein schwerer Körper zurück. Das Wasser wurde lau, er gab warmes hinzu, doch das Becken war bald randvoll und der Abflußpfropfen unerreichbar. So fand ihn am Morgen die Zugehfrau.
Ein Zimmer mit zwei Betten, ein Holzkreuz mit dem geschundenen Leib Christi, das Haus steht in katholischer Tradition. Auf dem Nachttisch eine Karte, die Klinikverwaltung wünscht einen guten Aufenthalt. Aus einem Schlauch tröpfelt Flüssigkeit in seinen Arm. "Eine Wanne", verlangt mein Vater. "Eine Wanne haben wir nicht", erwidert die Krankenschwester, und er sinkt zurück in die Unruhe seiner Träume, fuchtelt in dem Luftraum über seinem Gesicht, ruft, er wolle fort, endlich entkommen!
"Papa", sage ich, und die Schwester sagt: "Aber Herr Thimm." Als er die Augen öffnet, blickt er mich an. Er scheint mich nicht zu sehen. "Wo ist mein Sohn? Meine Frau? Sie müssen sich beeilen."
Er fürchtet den Tod, denke ich. Er will sie um sich wissen.
Doch mein Vater ringt nicht allein mit jenem Tod, mit dem sein septischer Körper gerade ringt. Er sucht auch dem Tod zu entkommen, dem er als Kind entkam. Das Krankenbett, der Schlauch, die Kanüle schließen Erinnerungen auf. Nun, da der Körper schwach ist und der Geist erschöpft, da er sich ausgeliefert fühlt wie der heranwachsende Junge im Flüchtlingstreck, ist er den vergessen geglaubten Empfindungen preisgegeben. Die alten bösen Bilder erwachen. Mein Vater ist der Wagenlenker, ein Kind noch, das um das Leben der ihm Anvertrauten bangt.
"Sie haben nicht mehr viel Zeit", sagt er. "Ich habe nicht mehr viel Zeit." Dann legt er die Hand auf meinen Unterarm. "Lange ist dies hier nicht mehr zu halten. Erkennst du die Demarkationslinie?"
Ich rufe meine Mutter und meinen Bruder an. Sie unternehmen eine Reise und können erst am kommenden Tag zurückkehren. "Sie sind auf dem Weg", sage ich.
"Wo sind sie?", fragt er, richtet sich auf, schöpft nach Luft. Ich drücke ihn aufs Bett, die Hände auf seinem Brustkorb, der sich kaum bewegt beim Atmen, er soll liegen bleiben, ausruhen. "Wie kannst du mich zurückhalten?", herrscht er mich an. "Siehst du nicht, was hier los ist?"
"Papa", sage ich, und er wehrt meinen Griff ab, "laß!", flüsternd nun, und seine Finger umklammern meinen Arm. "Da drüben. Nicht bewegen. Leise. Gefahr."
Er sei im Krankenhaus, "in Sicherheit!", sage ich. Meine Mutter und mein Bruder, "in Sicherheit!"
"Gift! , schreit mein Vater und reißt an dem Infusionsschlauch.
Das Krankenhausbett eine Kampfzone. Um uns herum der Tod.
"Du brauchst die Infusion zum Überleben."
"Weißt alles besser! Meinst, du habest alles im Griff. Doch das hier hat niemand im Griff." Seine Stimme überschlägt sich, als er schreit, ich solle nicht weitergehen, nicht über diese Linie; Männer! Plünderer! Vergewaltiger! Und flüsternd fragt er, wo der Sohn bleibe und die Frau.
"Sie schaffen es. Und wir auch."
"Na hoffentlich." Dann schimpft er über meine Leichtgläubigkeit.
Die Krankenschwester, die ich hole, sagt: "Aber Herr Thimm!" Der junge Arzt fühlt den Puls und blickt auf die Fieberkurve. Im Morgengrauen legt mein Vater den Kopf auf das Kissen. Seine Finger umklammern meinen Arm. Er schläft.
Die Erinnerung an die Flucht, das verstehe ich in in dieser Nacht, ist ein Dämon, der meinen Vater beherrscht. All die Jahre hat er den Dämon bezähmt, zog eine Schutzschicht über die Erinnerungen und erfand merkwürdige Rituale der Versicherung.
Verreisten wir, lud er am Abend zuvor die leeren Koffer und Taschen ins Auto, und in die Zwischenräume stopfte er Decken und Schuhe. "Probepacken" nannte er die Prozedur, und wir scherzten müde, "Papa, wir gehen nicht auf die Flucht." Hatte alles, was wir mitnehmen wollten, theoretisch Platz gefunden, entspannten sich seine Gesichtszüge. Er nahm die leeren Koffer und Taschen aus dem Auto, und wir verstauten Kleidung, Bücher und Stofftiere darin. Wochentags brachte er Brot mit nach Hause, der Laib war oft noch warm, er schwärmte für den Duft, die frische Kruste. Gegessen hat er sie nie. Immer war da der kostbare Rest vom Vortag. So wurde alles Brot altbackener Vorrat. Aber es lag genug im Küchenfach.
Wohin, warum, wie lange, fragte er, wenn ein Familienmitglied das Haus verließ, und ich wütete über seine Kontrolle. Erst Jahre später verstand ich, daß ihn die Angst trieb, uns zu verlieren, wie er den Vater und die Schwester im Krieg verlor. Ausweise, Impfpass, Adressbuch, alles trug er stets bei sich, als müsse er im nächsten Augenblick aufbrechen. Die braune Umhängetasche begleitete ihn in den Skiurlaub und an die See; sie baumelte an seinem Hals, als er die Studentenzimmer seiner Kinder besuchte, er trug sie unter dem Anorak, sie schien seinen Brustkorb auszubeulen, ich fand sie peinlich. Er hütet es immer noch, dieses abgegriffene Leder. "Papas Täschchen" nennen es mein Bruder und ich heute, und meist klingt es zärtlich. Papas Täschchen ist eine Reliquie. An manchen Tagen findet sich nun ein Butterbrot darin, das mein Vater für den Notfall hortet.
Es ist an der Zeit, Hartmut Radebold noch einmal zu befragen. "Das sind typische Verhaltensweisen von Kriegskindern, die sie für völlig selbstverständlich halten", sagt der Professor für Klinische Psychologie. "Sie verwahren, was sich noch einmal verwenden lassen könnte, alte Fäden, gebrauchtes Geschenkpapier; sie essen alles auf, sie suchen in fremden Umgebungen den Notausgang." Äußerlich freundlich, bleiben sie lebenslang mißtrauisch. Der Argwohn, der nächste Augenblick könne schlimmes Unheil bereithalten, verläßt sie nie.
Dreißig Prozent dieser Generation gelten als traumatisiert. "Diese Männer und Frauen tragen eine Decke aus Beton in sich", sagt Hartmut Radebold. "Sobald sie sich bedroht oder abhängig fühlen, bröckelt der Beton. Oft überfluten sie dann Angst und Panik."
Ein schwerer Unfall kann der Auslöser sein, der Verlust eines Verwandten, ein Krankenhausaufenthalt. Auch Demenz bereitet dem Schrecken Einlaß; das kranke Gehirn verliert zunehmend die Fähigkeit, die verdrängten Erinnerungen zu zähmen. Dann genügen manchmal schon ein Geräusch oder ein Fernsehbild der zerstörten Dresdner Frauenkirche, um Angst und Panik zu entfachen. Und es kann bereits einen Schutz bedeuten, wenn die Menschen drum herum weiche Schuhsohlen tragen statt harter Absätze, deren Klang an Stechschritte erinnern.
"Ihr Vater ist früh dran", sagt Hartmut Radebold. "Den meisten Kriegskindern steht die Hilfsbedürftigkeit noch bevor. Sie sind jetzt zwischen 66 und 81 Jahre alt, und Hinfälligkeit beginnt überwiegend erst nach dem achtzigsten Geburtstag."
Viele wird die Gebrechlichkeit mit einer Wucht treffen, die sie nie für möglich gehalten haben. Ihr Körper hat immer funktioniert, bei bitterem Mangel, unter größten Strapazen, sie kennen ihn als eine funktionierende Maschine, die sich mit Medikamenten ölen lässt. Nun, mitten in Frieden und Wohlstand, verlieren sie ihn als Verbündeten. Sie werden abhängig, sie wehren sich. Die Hilflosigkeit früherer Zeit soll sie nie mehr einholen.
An einem Morgen im Frühling 2008 klingelt in meinen Schlaf das Telefon. Ein Angestellter des Altersheims teilt mir mit, daß ein Notarzt Horst Thimm in ein Krankenhaus eingeliefert habe. "Nichts Schlimmes", sagt er. "Aber der Mann braucht mehr Betreuung."
Mein Vater wird entlassen, bevor ich ihn besuchen kann. "Ich bin weiterhin gegen eine Pflegestufe", erklärt er, als wir telefonieren. "Je mehr Hilfe man bekommt, desto mehr Hilfe braucht man."
Ich muß arbeiten, mein Bruder lebt in der Schweiz, meine Mutter kann meinen Vater nicht betreuen - aber so geht es nicht weiter. Am Wochenende, da können wir uns treffen, beratschlagen, wenigstens ein Anfang. Er kommt uns zuvor. Wieder leuchtet die Bonner Vorwahl auf dem Display, diesmal ist es eine der Schwestern des ambulanten Pflegedienstes, die ihn morgens, mittags und abends mit Medikamenten versorgen. Sie hat ihn bäuchlings auf dem Teppichboden vorgefunden und am Vortag nass und ausgekühlt im Duschraum. Die Schwester klagt mich an. "Ihr Vater war sehr traurig. Er hat gefroren, er hat nicht getrunken. Er hat sich nicht angezogen, er hat nicht gefrühstückt. Station 2", sagt die Schwester, "er muß endlich auf Station 2."
Station 2 ist der Pflegebereich im zweiten Stock des Heims, da wachen Schwestern und Pfleger Tag und Nacht über die Bewohner. Mein Vater hat einmal den Aufzug genommen und Station 2 besichtigt. Eine Frau lebt dort, die dauernd auf einen Tisch klopft. Eine andere stöhnt pausenlos, eine dritte webt immerzu mit dem Kopf. "Holen Sie mich weg!", ruft diese Frau, sobald sie einen Menschen erblickt. Es gibt auch einen Mann auf Station 2. Er scheint niemanden wahrzunehmen.
Mein Vater wehrt sich. Er bittet um Aufschub. Er spricht von Würde. Wir argumentieren stundenlang.
Ich erinnere mich an seine Erleichterung, als er die Hürde in das Altersheim genommen hatte, an die Entschlossenheit, diese Bleibe aber wirklich erst wieder zu verlassen, wenn man ihn mit den Füßen zuerst hinaustrage. Er glaubte damals, nie mehr aus seinen beiden Zimmern ausziehen zu müssen. Zweimal noch fahren ihn Sanitäter in ein Krankenhaus, bevor Blaulicht und Notaufnahmen seinen Widerstand ermatten. "Antrag auf Feststellung einer Pflegestufe", heißt das Formular, das wir dann ausfüllen. Doch das Versprechen, die vertrauten Zimmer weiterhin bewohnen zu können, nimmt mir mein Vater ab.
Als der Tag gekommen ist, den er so lange abgewehrt hat, wirkt er vergnügt. Trotz des warmen Sommers hat er ein Jackett in gedecktem Grau gewählt und eine Krawatte umgebunden. Aufrecht wartet er im Sessel auf die Ärztin vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Das Signal, das er so darbietet, ist unübersehbar: Herr Horst Thimm ist ohne Zweifel in der Lage, mit vollem Einsatz um die nächste Partie seines Lebens zu spielen.
Ob die Ärztin es wohl als Bestechung auffassen könne, wenn er ihr einen Kaffee anbiete, fragt er mich. Oder einen doppelten Espresso. Wie die meisten Bewohner hat er die Formeln modernen Kaffeetrinkens erst in der Caféteria des Altersheims kennengelernt. "Oder dieses Milchkaffeegesöff? Wie heißt das gleich?"
"Cappuccino."
"Nee, das andere."
"Latte macchiato?"
"Genau. Russisch Kakao gibt es ja leider nicht."
"Der wird ja auch mit Alkohol zubereitet."
"Und Alkohol ist nichts für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Aber wenn das Hauptgeschäft hier erledigt ist, können wir zwei in der Rheinaue Russisch Kakao trinken." Er überlegt, dies gleich anfangs kundzutun, um den Termin zu beschränken.
"Ich möchte dich nicht desillusionieren", sage ich. "Aber wenn die Ärztin da war, kommt die Schwester mit der Insulinspritze, und dann ist Abendbrotzeit."
Unverständnis zieht über sein Gesicht. Solch kleinkarierte Einwände an solch einem Tag. "Du bist doch sonst nicht so unflexibel", antwortet er mir.
Die Ärztin möchte keinen Kaffee. Keinen Cappuccino, keinen Latte macchiato. Nicht einmal Wasser mag sie trinken, dabei ist die Temperatur draußen auf über dreißig Grad gestiegen.
"Herr Thimm, wie lange wohnen Sie schon hier?"
Als wolle er sie unterhalten wie ein Conférencier, holt mein Vater aus. Wie er bei sibirischen Minusgraden nachts in den Rabatten vor seiner alten Wohnung gelegen habe, ausgerutscht. Wie es dort, nach einigen Stunden, doch sehr kalt wurde. Wie ein Arzt ihn im Krankenhaus entgegen aller Erwartungen wieder hinbekommen habe, zum zweiten Mal. "Und seither wohne ich hier", schließt er und lächelt sie an. "Und genieße den Blick auf den Baum vor dem Fenster."
"Brauchen Sie, neben dem Spritzen des Insulins, noch andere Hilfe?"
"Die Schwestern haben es übernommen, die Gummistrümpfe anzuziehen und auszuziehen."
"Können Sie stehen?"
"Ich kann stehen. Es kommt allerdings schnell der Moment, in dem ich wieder sitze."
"Klingeln Sie um Hilfe?"
"Nein. Wenn ich falle, hangele ich mich an einem Band am Bettpfosten hoch. Ich habe da ein eigenes System entwickelt."
Die Ärztin erkundigt sich nach den Medikamenten. Er hat die Frage erwartet und zieht ein Blatt Papier aus der Brusttasche. "Meine Güte", sagt sie, als sie die Liste überflogen hat. "Man wird ein Medikamentenlagerhaus", erwidert mein Vater. "Das ist der Schatz des alten Mitmenschen." Dann erhebt er sich, mühsam, aber ohne innezuhalten, nickt ihr zu und kramt in einem der Kartons im Regal.
"Wäre für Sie denn wohl ein weißer Burgunder gut?", fragt er schließlich.
"Ja, der wäre gut", entgegnet die Ärztin. "Aber ich nehme ihn nicht. Ein Gutachter, der eine Flasche Wein mit nach Hause nimmt, der wäre das Letzte."
Bevor sie sich verabschiedet, teilt sie ihm das Ergebnis mit. "Pflegestufe 1. Der Bedarf ist gegeben, daß jemand für Sie da ist, wenn Sie ihn brauchen, und Ihnen außerdem morgens und abends beim Waschen und Ankleiden hilft. Wie lange sich das in diesen Räumen realisieren läßt, ist eine andere Geschichte. Das müssen Sie leider selbst organisieren."
"Keine unangenehme Person", sagt mein Vater, als sie gegangen ist. "Und mit dem Wein, da wollte ich sie ein bißchen testen."
Mein Vater schläft an diesem Abend mit dem Gefühl ein, das Spiel des Lebens doch noch irgendwie zu meistern. Schließlich hat die Ärztin nicht von Station 2 gesprochen. Ratlos betrachte ich, wie er die ersten Vorbereitungen für die Nachtruhe trifft, wie er mit dem rechten großen Zeh die Socke vom linken Fuß schiebt, so hat er es sich angewöhnt, seit ihm das Bücken schwerfällt. Ich weiß nicht, wer dieser Jemand sein soll, morgens und abends und allzeit abrufbereit. Die Schwestern vom ambulanten Pflegedienst jedenfalls können es nicht leisten. Wir werden suchen müssen.
Als ich ihm eine gute Nacht wünsche, bedankt er sich für alle Unterstützung. "Nur eines noch", sagt er dann. "Die tägliche Körperpflege, die würde ich schon gern weiterhin allein regeln."
Wie machen es nur die anderen? Henning Scherf, der frühere Bremer Bürgermeister, und seine Frau haben sich in einer Wohngemeinschaft mit Freunden zusammengeschlossen. Er ist 72. Seine Kinder sollen ihm den Vogel gezeigt haben, aber die Freunde wollen sich, so lange es geht, gegenseitig unterstützen. Andere ziehen gleich mit jungen Menschen in ein Mehrgenerationenhaus. Doch noch ist das ein seltenes Modell.
Die meisten alten Frauen und Männer harren bis zum letzten Moment in ihrem vertrauten Zuhause aus. Es geht in vielen Heimen weniger freundlich zu als in der Bleibe meines Vaters. In manchen Einrichtungen werden die Alten mit Medikamenten ruhiggestellt, damit sie nicht verwirrt umherlaufen. Es wird das Bettzeug nicht regelmäßig gewechselt, es reagiert niemand auf den Notruf. Und immer wieder überfordern die Erinnerungen der alten Menschen die Pfleger und Schwestern, die aus Polen und aus Weißrussland stammen, aus Ecuador, der Ukraine oder der Türkei. Sie kennen andere Erzählungen vom Krieg als jene, die ihre Schutzbefohlenen in sich tragen, ihre Verwandten haben auf anderen Seiten gekämpft, Begriffe wie Haff oder Bomben gehören nicht zu ihrem Sprachschatz. Nicht jedem gelingt es, die bösen Bilder mit Herzlichkeit zu durchdringen. Ein Psychologe, der sich mit der Seele alter Menschen auskennt, ist, obwohl unumstritten wichtig, selten im Stellenplan eines Heims vorgesehen.
Oft sind nicht einmal die sieben Mindestanforderungen erfüllt, die der Sozialpädagoge Claus Fussek formuliert hat, ein lautstarker Kritiker der Zustände: Nahrung und Flüssigkeit nach Wunsch und Bedarf. Angemessene Unterstützung bei den Ausscheidungen. Angemessene Körperpflege. Aufenthalte an der frischen Luft. Freie Wahl des Zimmernachbarn. Anrede in der Muttersprache. Die Sicherheit, daß in der Todesstunde jemand die Hand hält.
Eigentlich nicht zu viel verlangt.
Eine Frau kenne ich, 57 Jahre alt, die hat ihre Mutter aus einem Heim einfach wieder herausgeholt. "Wäre sie noch dort, sie wäre längst erstickt", sagt diese Tochter. Die Mutter erhielt damals Nahrung durch eine Magensonde, dauernd erbrach sie, ständig war der Rachen verschleimt. Seit zwei Jahren lebt die alte Dame wieder auf ihrem Bauernhof. Sie ißt und trinkt und feierte vor zehn Wochen ihren zweiundneunzigsten Geburtstag.
Die Tochter hat eine Agentur in Polen beauftragt, sie zahlt monatlich 260 Euro Gebühr und 1200 Euro an die Frau, die bei der Mutter wohnt. Es sind zwei Polinnen, alle acht Wochen wechseln sie sich ab. Offiziell gelten sie als Haushälterinnen. Denn pflegen dürfen sie als unqualifizierte Arbeitskraft nicht.
Die Tochter lebt und arbeitet in einer Großstadt, zwei Stunden Autofahrt entfernt, sie fährt beinahe jedes Wochenende. Manchmal ist dann der Garten umgestaltet, oder die altbewährten Handwerker sind verärgert. Dann bewundert die Tochter gefaßt die neuen Ziersträucher und verkneift sich auch die Frage nach den unerledigten Reparaturen. "Die Polinnen sind jetzt die Herrinnen im Haus", sagt sie. "Aber ich brauchte eine Lösung - und ein Heim sollte es nie wieder sein."
Einen Sohn kenne ich, 58 Jahre alt, der in der Zeit der Studentenproteste mit seinem Vater gebrochen hat. Nun streitet dieser Sohn dagegen, für den Vater aufzukommen. Nicht selten bestimmen die alten Konflikte zwischen 68ern und ihren Eltern noch das Alter.
Die meisten erwachsenen Kinder aber sagen, daß sie die Eltern am liebsten in einer häuslichen Umgebung betreut wissen wollen. Es ist auch volkswirtschaftlich die günstigste Lösung - jedenfalls so lange die Pflegenden durchhalten. Mehr als der Hälfte schmerzt der Rücken. Ein Viertel leidet an Schlafstörungen, ein Fünftel an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und an Magenproblemen. Die Zahlen gelten bereits für Vierzigjährige.
Viele verlieren Freunde und Bekannte. Sie finden wenig Zeit für Kaffeestündchen oder ausgiebige Telefonate. Allein den monatlichen Schriftverkehr zu erledigen, Widersprüche, Abrechnungen, zehrt einen Sonntagnachmittag auf. Und auch der Urlaub ist oft Pflegezeit.
Achtzig Prozent der pflegenden Töchter und Söhne fühlen sich "sehr belastet". Sie sagen, das Gefühl dauernder Zeitnot und die emotional schwierigen Situationen bedrückten sie am meisten. Die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt, seelischer oder körperlicher, gegen alte Menschen liegt bei mindestens zehn Prozent. Es ist schwer auszuhalten, wenn einer, der einem nahesteht, inmitten seiner Hilflosigkeit schreit, schlägt und spuckt. Manchmal überwiegt das Gefühl von Überforderung derart, daß ein Platz im Altersheim doch die beste Lösung für alle bedeutet. Aber selbst wenn die eigentliche Pflege, das Betten, Waschen, Ankleiden, andere leisten, reihen sich die schwierigen Momente aneinander. Es ist auch schwer auszuhalten, wenn einer gerade in jenen Stunden, die man sich mühsam für ihn freihält, schlecht gelaunt ist oder in einer fernen Welt des Vergessens weilt.
Der Umgang mit den bedürftigen Eltern verlangt Tugenden, die jedem durchgeplanten Alltag widersprechen: Zeit, Muße und die Geduld, zu ertragen, was eigentlich gerade unerträglich ist. Jeder Moment hängt von der Tagesform ab - und je hinfälliger ein Mensch wird, je mehr sich vielleicht auch eine Demenz entwickelt, desto weniger ist diese Tagesform zu beeinflussen oder vorherzusehen.
An einem Abend, ich will nicht lange bleiben, ich habe noch etwas vor, bittet mein Vater mich um einen Pullover. Inzwischen, im Dezember 2008, bewohnt er ein Zimmer im zweiten Stock. Es gehört zu Station 2.
Er trägt einen Schlafanzug und liegt bereits im Bett. "Den blauen Pullover", sagt er, "den will ich anziehen."
"Ist dir denn kalt?"
"Nee. Aber ich muß ja noch rüber zu mir, über die Straße."
"Das mußt du doch gar nicht."
"Natürlich." Unwirsch strampelt er die Bettdecke weg.
"Aber Papa, guck dich mal um. Was siehst du?"
"Eine Wand."
"Und daran?"
"Bilder."
"Deine Bilder."
"Natürlich meine Bilder. Sie zeigen Kulk am Lenksee."
"Das bedeutet doch, daß du in deinem Zimmer bist. Wo sollten sie denn sonst hängen? Möchtest du vielleicht den Fernseher anschalten, für die Nachrichten."
"Nee."
"Gibt es noch etwas, was ich für dich tun kann?"
"Ja, den Pullover."
Ich denke an Schnupfen, Lungenentzündung, Krankenhaus und beginne von vorn. Ich bin nicht in der Lage, anders zu reagieren.
"Ist dir doch kalt?"
Seine Stimme wird laut. "Nein. Ich möchte ihn haben. Und, Herrgott sakra, ich kann ihn mir nicht allein holen. Du weißt das."
Ich reiche ihm den Pullover. "Ich will etwas am Körper haben", sagt er, während er versucht, ihn über den Kopf zu ziehen.
"Dann ist dir doch kühl?"
"Ja", sagt er. "Ja!"
Ich helfe ihm in den Pullover. Bloß kein Krankenhaus. Mein Vater streicht über den wollenen Stoff. "Eine Hose habe ich aber noch nicht", sagt er dann.
"Aber die brauchst du im Bett doch wirklich nicht."
"Im Bett nicht. Auf der Straße schon."
Mein Vater schiebt die Beine aus dem Bett. Die Luft in seiner Matratze schaukelt, wenn er sich bewegt, sie ist für Menschen gedacht, die viele Stunden am Tag liegen. Bei heftigen Bewegungen verursacht die gequetschte Luft Geräusche. Sie klingt immer lauter an diesem Abend.
Wir auch.
"Papa, bitte! Es ist doch Schlafenszeit!"
"Ja, eben! Deshalb muß ich hier raus!"
"Ja, eben nicht! Wenn Schlafenszeit ist, bleibt man im Bett! Und ich muß da jetzt auch hin, und deshalb verabschiede ich mich."
"Du willst gehen? Und ich soll hierbleiben?"
"Das ist doch dein Zimmer."
"Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören. Du wirst mir ja wohl nicht die Möglichkeit verwehren, am Ende des Tages in meine Wohnung zurückzukehren."
Die Nachtschwester rettet uns. Es ist eine von den resoluten. Sie trägt einen strähnigen Pferdeschwanz, ihr Kittel riecht nach Arbeit, und sie findet den richtigen Ton.
"Na, Herr Thimm, wo wollen Sie denn hin?", fragt sie.
"Na, in meine Zimmer", antwortet er.
"Sie sind doch hier zu Hause, in Ihrem Bett, in Ihrem Zimmer."
"Also ich kann mich mit dieser Interpretation nicht anfreunden", entgegnet ihr mein Vater. "Ich meine, ich gehöre ins Erdgeschoß."
"Sie müssen sich nicht ins Erdgeschoß begeben, Herr Thimm. Heute geht es nirgendwo mehr hin."
Als er nach der braunen Umhängetasche greift, die er auf dem Nachttisch verwahrt, greift auch die Schwester zu. "Geben Sie mal her", sagt sie. "Die lege ich hier auf den Tisch. Sonst erhängen Sie sich nachts noch damit. Und erhängte Leichen am Morgen hab ich nicht so gern."
"Dann kriegen Sie einen Schreck", sagt mein Vater. "Wenn einer der liebenswürdigsten Bewohner sich an der eigenen Tasche aufhängt."
Erleichtert schließe ich die Tür. Und fliehe aus dem Altersheim.
Die Politik verliert sich in Profilierungskämpfen" sagt Jürgen Gohde. "Aber das Thema eignet sich nicht für Machtspielchen. Wir reden über Menschen."
Der Theologe sitzt dem Kuratorium Deutsche Altershilfe vor und leitete auch jenen Beirat, der vor zwei Jahren die Reformvorschläge an das Gesundheitsministerium übergab. Er ist überzeugt, daß sich das Leben von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen mit Hilfe der vorliegenden Konzepte besser gestalten ließe. "Es müssen nur alle wollen."
An Absichtsbekundungen mangelt es nicht. Auch Männer sollten gezielt an den Pflegeberuf herangeführt werden, sagt zum Beispiel der Gesundheitsminister, er hofft auf den neuen Bundesfreiwilligendienst. Und er will all jene besser stellen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Ihr Einsatz solle bei der Bemessung der Rente berücksichtigt werden, findet er.
"Wir müssen die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf fördern", sagt Ursula Lehr. "Dann kann der demografische Wandel gelingen. Ich baue zudem auf die Männer und rechne damit, daß die neuen wickelnden Väter auch pflegende Söhne sind." Die Altersforscherin war im Kabinett von Helmut Kohl Familienministerin und ist nun, achtzig Jahre alt, Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft von mehr als hundert Seniorenorganisationen. Sie trägt einen pinkfarbenen Blazer und schweren Silberschmuck, sie hält noch beinahe täglich einen Vortrag, und sie weiß alle Daten auswendig.
Seit 1997 ist die Zahl derjenigen, die wegen eines hilfsbedürftigen Familienmitglieds weniger arbeiten, von 26 auf 36 Prozent gestiegen. 47 Prozent der Pflegenden sind überhaupt nicht erwerbstätig. Das aber, sagt Ursula Lehr, könne in Zeiten des Fachkräftemangels doch dauerhaft kein Weg sein. "Außerdem zeigen die Studien, daß Angehörige eine bessere Lebensqualität behalten, wenn sie intensiv auch andere Aufgaben wahrnehmen."
So ist die Frage, welchen Platz diese Gesellschaft den Alten einräumt, auch eine an die Arbeitgeber. Ursula Lehr schlägt ihnen vor, das Kantinenessen an die alten Eltern ihrer Mitarbeiter liefern zu lassen, und sie kann sich Seniorentagesstätten vorstellen, die an ein Unternehmen angebunden sind wie ein Betriebskindergarten. Auch die "Familienpflegezeit", das Projekt der heutigen Familienministerin, hält sie für sinnvoll. Wie ein Sabbatical sollten Arbeitgeber diese Phase handhaben, meint Kristina Schröder. Der Angestellte bezieht zwei Drittel seines Lohns, und wenn er wieder mit voller Stundenzahl arbeitet, verdient er so lange weniger, bis sein Gehaltskonto ausgeglichen ist. Sie ist beschimpft worden für ihren Vorschlag. Unzumutbar für Arbeitgeber, fanden die einen, völlig unzureichend, meinten die anderen. Eine Pflege sei doch nicht planbar nach zwei Jahren beendet. Außerdem müsse man solch eine Familienleistung ähnlich vergüten wie die Elternzeit. Und überhaupt: Wo stehe denn geschrieben, daß sich jeder um die alten Eltern kümmern wolle? Aus der Sicht jener aber, die es wollen, ist die Idee verlockend. Immerhin ließen sich so unbelastet vom Arbeitsalltag beste Lösungen und eine neue Routine finden.
Einige Arbeitgeber bieten ihren Angestellten bereits andere familienfreundliche Leistungen - auch weil sie Gedanken, Engagement und Kraft im Unternehmen halten wollen. Sie kaufen "Eldercare" bei Dienstleistungsfirmen ein, Seniorenbetreuung im Paket. Ganze Abteilungen in diesen Firmen sind damit beschäftigt, häusliche Pflege zu organisieren, Widerspruch gegen Versicherungsbescheide einzulegen, geeignete Altersheime zu suchen oder eine Putzhilfe, die mit der wunderlichen Mutter zurechtkommt. Der "pme Familienservice" beispielsweise versorgt 370 Firmen mit "Eldercare", darunter den Norddeutschen Rundfunk, Ikea und H&M. "Wir haben Anfragen von Menschen in Lübeck, deren Eltern im Bayerischen Wald wohnen", sagt die koordinierende Psychologin Christine Jordan. "Wir beraten dann die Kinder in Lübeck, und unsere Zweigstelle im Bayerischen Wald forscht nach der entsprechenden Hilfe."
Auch neue Arten des Wohnens könnten Angehörige entlasten, vor allem in jener Phase, in der alte Menschen noch keine Pflege, aber Unterstützung brauchen. Eine Lieblingsidee von Ursula Lehr ist der Gemeinschaftsraum in jedem Mehrfamilienhaus. Ein Tisch und ein Kühlschrank mit Bier und Saft sollten sich darin finden, Kreide und eine Schreibtafel: Morgen kaufe ich ein, wem soll ich was mitbringen? Ich muß am Samstag um drei zum Zug, fährt jemand Richtung Bahnhof? Mir fehlt die Glühbirne im Deckenlicht, kann die jemand einschrauben?
"Wir werden niemals ohne professionelle Pfleger auskommen und auch nicht ohne Altersheime", sagt Jürgen Gohde. Im Gegenteil: Schon weil die Zahl der kinderlosen, auf sich gestellten Paare zunimmt, wird der Bedarf steigen. "Aber wir dürfen uns nicht allein auf Institutionen verlassen. Wir müssen um jeden Nachbarn, um jeden Ehrenamtlichen werben." Nur sie können das Unbezahlbare geben - Zeit.
"Wir brauchen den Menschen in der Pflege", sagt Jürgen Gohde.
Der Organismus ist an seinem Ende angelangt", erklärt der Hausarzt an einem freundlichen Tag im Sommer 2009. "Wir machen jetzt nur noch palliativ."
Die Frau, die sich im Altersheim um Palliativpatienten kümmert, kommt mit einem Golden Retriever. Der Hund ist ausgebildet für den Dienst, den er leisten soll. Er klettert auf einen Stuhl, damit Horst Thimm ihn besser sehen kann, und schiebt den Kopf in dessen Hand. Dann schließt mein Vater die Augen.
Zweieinhalb Tage lang bewegt er sich nicht. Er liegt da, in ein hellblaues T-Shirt gekleidet, das weiße Haar noch immer dicht, er atmet flach und bewegt sich nicht.
Meine Mutter und ich wechseln uns ab. Als er sich räuspert, nach zweieinhalb Tagen, ist es gerade meine Zeit. "Katja", sagt er. "Gibst du mir etwas zu trinken? Ich habe schrecklichen Durst."
Seither hatte mein Vater gute und schlechte Tage, er sagt, sie halten sich die Waage. Er weint oft, und er lächelt oft, und anders als in meiner Kindheit zeigt sich sein Gemüt meist so weich, wie es ist. Viele Stunden lang liegt er in seinem Bett, und jeden Tag erlebt er sein Leben. Besuche ich ihn, kann es passieren, daß er mich ungeduldig und freudig empfängt. Aber möglich ist auch, daß er mich wieder wegschickt. Einmal störte ich mitten in einer Dienstsitzung. Angetan mit einem gebügelten Hemd, saß er im Rollstuhl vor dem Fernsehapparat. Mit einer ausholenden Handbewegung wies er auf mich. "Meine Tochter", so stellte er mich einer imaginären Runde vor.
Ja doch, antwortete er gleich darauf in meine Richtung, eine Birnensaftschorle nehme er gern, aber dann müsse ich mich wirklich verabschieden. "Wie du siehst, werden hier gerade Konzepte für eine Erweiterung des Jugendschutzgesetzes verhandelt. Nimm es nicht persönlich, aber die Versammlung braucht Ruhe."
Mit der gleichen Ernsthaftigkeit beobachtet er Scharfschützen auf den Zinnen am Haus gegenüber. Dann kann es geschehen, daß er weint, wenn ich ihn besuche, weil er mich eben noch tot auf dem Boden liegen sah, erwürgt von Partisanenkämpfern, und im Sessel, unter der rot-weiß-gestreiften Decke, zerschossen meinen Bruder. Ich reiche ihm in solchen Augenblicken seine Brille. Nicht immer läßt er sich davon ablenken. Aber manchmal sagt er doch, er müsse wohl dringend mal einen Optiker aufsuchen.
Häufig bemühen wir die unbeschwerten Jahre seiner Kindheit. Ich habe mich verbündet mit Ostpreußen, jener Gegend, die ich früher nicht beim Namen nennen wollte, weil es so heimatvertrieben klang. Beim Online-Versandhandel werde ich nun als "lieber Freund einer vergessenen Vergangenheit" geführt, doch meinem Vater helfen die Bildbände und CDs, die Erinnerungen zu finden, die ihn bergen.
Immer noch lebt er an vielen Tagen in der Wirklichkeit des Augenblicks. Bei Sonnenschein zupft er manchmal vom Rollstuhl aus ein wenig Unkraut auf dem hochgelegenen Beet gegenüber dem Goldfischteich. Der Gärtner des Altersheims hat dort Kräuter ausgesät, und samstags kommt ein Küchenjunge und schneidet für den Eintopf Maggikraut. Am Abend, bei den Vorbereitungen zur Nachtruhe, erzählt mein Vater den Schwestern schon mal von der Arbeit im Garten. "Die macht ja auch ein bißchen müde", sagt er zu ihnen.
Er hat es nie so haben wollen: Pflegeschwestern, die ihn reinigen; ein grüner Herr, der ihn ehrenamtlich unterhält; ehemalige Kollegen, die ihn treu besuchen; Kinder, denen er Mühe bereitet; eine Frau, die nun ihm in den Mantel hilft.
Er hat es nie so haben wollen, doch er hätte es jederzeit verteidigt. Das ist der Kleister, der unsere Gesellschaft zusammenhält, hätte er gesagt.
Die Titelgeschichte fußt auf Katja Thimms Buch "Vatertage. Eine deutsche Geschichte". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 288 Seiten; 18,95 Euro.
Aus: SPIEGEL 15/2011, S. 132-140
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77962976.html© 2003-2011 by Dr. Dietmar Höhne - Mail: info@aging-alive.de
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