Wir kommen von weit her - Spiritualität des Alters


Von Fulbert Steffensky


Meine Überlegungen gliedere ich in drei Punkte:

1. Die Lage derer, die mit alten Menschen arbeiten
2. Bezeichnete Orte
3. Die Kunst des Abdanken


1. Die Lage derer, die mit alten Menschen arbeiten


Ich imaginiere die Schwierigkeiten, die Asymetrien derer, die In Krankenhäusern, in Altersheimen, in Behindertenanstalten arbeiten.

  • Sie erleben die Asymetrie zwischen ihrer Arbeit und ihrem persönlichen Leben. Sie leben wie alle anderen ein normales Leben, haben eine Familie, sie freuen sich an der Natur, haben gerne Urlaub und Feierabend. Zugleich erleben sie in ihrer Arbeit gehäuftes Unglück, Niederlagen, vergehendes Leben und Tod. Welche geistige und seelische Souveränität ist nötig, um dieses Leben auszuhalten, ohne in Resignation und Zynismus zu verfallen?

  • Sie erleben eine Gesellschaft, die sich hauptsächlich in ihrem Können und Gelingen einleuchtet. Eine Gesellschaft, deren Subjekte, sich in ihren Stärken einleuchtet; in ihren beruflichen Stärken; in ihrer Gesundheit, in ihrer Gepflegtheit und Schönheit und in ihrem Funktionieren.

  • Sie erleben eine Gesellschaft, in der berufliche Niederlagen nicht vorgesehen sind, wieüberhaupt Niederlagen nicht vorgesehen sind. Sie steht unter Siegeszwängen. Wer imKrankenhaus arbeitet oder in Bethel oder im Johannisstift in Bielefeld, hat vielleicht mehr Niederlagen als Siege zu verzeichnen.

  • Wir leben in einer Gesellschaft, deren Weisheit schwach und deren Apparate stark sind. Ich will ein politisches Beispiel eines solchen Unendlichkeitswahns nennen; das Beispiel einer Dummheit auf hohem Niveau. Auf dem Genfer Automobilsalon 2003 zeigte VW ein Auto mit 1000 PS, das theoretisch auf 400 Stundenkilometer kommen kann. Dies ist ein Beispiel eines höchst intelligenten Schwachsinns, eine Denkform, die zu ihrer eigenen Karikatur geworden ist. Aber es ist ein Schwachsinn, der zur Selbstverständlichkeit geworden ist und für den man 1000 Beispiele bringen könnte. Wie kann sich eine Gesellschaft selbst durchschauen? Wie bringt man das, was dort geschieht, in einen ethischen Zusammenhang? Wie lernt man fragen, was diese Art des Könnens für unsere Nachkommen und für das Überleben der Erde bedeutet? Wie lernt man, wenn der Zwang zum Können so groß geworden ist, zu fragen, was man nicht tun darf?. Wir haben das Bewusstsein der Sterblichkeit und der Endlichkeit verloren. Wie entkommt man dem ziellosen Machbarkeitswahn, den es sicher auch in der Medizin gibt? Gesellschaftskritisches Handeln ist ein Moment des protestantischen Profils.

Warum brauchen die Menschen, die an den Fronten des Lebens arbeiten, die ernährenden Kräfte der Frömmigkeit? Meine erste Antwort: dass sie die richtige Lesart des Evangeliums lernen. Wie lernen sie, dass die Armen seine ersten Adressaten sind? Es gibt in der Theologie so viel Rhetorik ohne Erkenntnis, und es ist nicht selbstverständlich, die Augen Christi in den Augen des sterbenden Kinde, der verwirrten Frau und des an seiner Krankheit leidenden Mannes zu lesen. Man muss ein gebildetes Herz haben, um Gott in den Gestalten des Elends zu erkennen. Das ist nicht nur eine Frage der Moral. Eine Moral, die sich auf nichts anderes berufen kann als auf sich selber, bleibt kurzatmig. Wie lerne ich Empörung und Zorn? Wie lerne ich das Augenlicht der Blinden und den aufrechten Gang der Lahmen zu vermissen? Das ist eine Frage der Spiritualität und der Frömmigkeit.

Wie mache ich mich langfristig in der Leidenschaft für das Recht der Schwachen? Man konnte in den letzten Jahrzehnten so viele engagierte Mep^chen resigniert und ermattet ehen. Man konnte sehen, wie sie sich in der psychologischen Selbstpflege erschöpften. Wie esse ich die Texte und mit ihnen den Geist unserer Tradition; wie atme ich im Gebet den Geist Christi, dass Gotteserkenntnis und Barmherzigkeit nicht mehr feindliche Geschwister bleiben. Wie arbeiten wir, ohne die Hoffnung zu verlieren. Das ist eine Frage der Spiritualität und der Frömmigkeit.

Wie behalten wir über unserer Arbeit den Humor mit unserer eigenen Endlichkeit? Wer am Heil der Menschen und an der Gerechtigkeit arbeitet, hat eine fast unendliche Idee: niemand soll aufgegeben werden, das das Recht soll fließen wie Wasser. Aber er ist ein endlicher Mensch. Wie können diese Menschen in kleinen Schritten gehen und den großen Gedanken nicht verlieren oder nicht zugunsten des großen Gedankens in Gewalt gegen sich selber oder gegen andere verfallen? Wie behalten sie die Distanz zu sich selber und lernen den Satz zu sprechen: Geschlagen ziehen wir nachhaus, unsere Enkel fechten's besser aus! Nur wenn man eine Herkunft hat, kann man eine Zukunft denken, die nicht nur aus uns selbst besteht, sondern aus der Kraft von allen; aus der Kraft unserer Toten und der Kraft unserer Enkel. Wir bauen an der Zukunft, aber die Zukunft besteht nicht nur aus uns und unseren Kräften. Ich erinnere mich an eine wundervolle Begebenheit mit Daniel Berrigan, dem Friedensaktivisten, der wegen seiner Friedensarbeit in den USA lange im Gefängnis war. Einmal hat er uns besucht nach einer solchen Gefängniszeit. Er war müde und abgespannt und wollte bei uns lesen, Musik hören, beten und mit uns ins Theater gehen. Es kam ein Anruf aus einem Friedenscamp, wo viele junge Leute zusammen waren. "Daniel muss sofort kommen!", sagte der Leiter des Camps. "Hier hat er sein Publikum und hier ist er unentbehrlich!" Berrigan verweigerte sich und sagte: "Jetzt will ich Wein trinken und beten." Mir hat die Ruhe dieses unruhigen Herzens imponiert. Er konnte ohne Verzweiflung arbeiten, und er kannte seine eigene Endlichkeit. Wenn das nicht Frömmigkeit ist und eine Spiritualität, wie wir sie brauchen! Eine Spiritualität, die uns zu Menschen mit gebildeten Träumen und mit langfristigen Optionen macht, ist ein Moment des protestantischen Profils.

Warum sollen wir fromm sein? Jetzt eine Antwort, die überhaupt nicht auf die Effizienz und die Verzweckung von Frömmigkeit schielt: Es ist schön zu loben, zu beten und zu singen; die Lieder der Toten und der lebenden Geschwister zu singen und sich in ihre Lebensvisionen zu vertiefen. Es ist schön! Als kritische Christen sich vor vielen Jahren einmal zu einer Wochenendtagung in Berlin trafen, machten einige der Teilnehmenden den Vorschlag, am Sonntag einen Gottesdienst zu feiern. Über diesen Vorschlag wurde gestritten, und einige fragten skeptisch nach der Funktion dieses Gottesdienstes im Progress der Befreiung. Der alte Gollwitzer hörte sich diese Diskussion bekümmert an und sagte dann: Ich will den Gottesdienst, weil es schön ist, mit euch zu beten und zu singen. Diesem entwaffnenden Argument, das eigentlich kein Argument war, konnte sich niemand entziehen. Und dieses "sunder warumbe" ist das Herz der Frömmigkeit.

2. Bezeichnete Orte

Wir haben eine Tochter, sie ist Epileptikerin, und sie wollte immer nach Bethel. Wir fragten sie, warum, und sie antwortete: "Weil die Häuser dort Namen haben." Die Häuser haben Namen. Sie heißen nicht nur Klinik I oder II, sie heißen Mara oder Bethesda oder Pniel. Es sind erkennbare Orte. Ich meine dies nicht nur in einem äußeren und nominellen Sinn. Wir brauchen Orte, die als evangelische kenntlich sind Es muss Stellen besonderer Erwartungen geben. Protestantismus neigt dazu, die Orte zu vergleichgültigen. Das Innere ist ihm wichtig, nicht die Äußerlichkeit eines speziellen Ortes. Ein guter protestantischer Geist kann sich überall zeigen, wo verantwortlich gelehrt wird. Dazu braucht es kein besonderes evangelisches Krankenhaus, keine besondere evangelische Schule. Aber ein protestantisches Haus spielt einfach eine andere Rolle als andere Häuser. Man erwartet in jenen Häusern die Deutlichkeit und die Sichtbarkeit des Geistes, aus dem heraus solche Anstalten gegründet wurden. Die Emanzipation christlicher Häuser von dem Einfluss inkompetenter Kirchenleitungen oder pfarrherrlicher Paternalität, ob es Krankenhäuser waren oder Schulen oder Kindergärten, geschah meistens auf dem Weg der Versachlichung der Häuser und der Arbeiten in ihnen. Die Menschen, die dort arbeiteten wollten gute Ärztinnen sein, gute Pfleger, qualifizierte Gruppenbetreuer, gute Psychologinnen sein und sonst nichts. Ihre Frömmigkeit lag in ihrer qualifizierten Arbeit und in nicht mehr. Ihre Frömmigkeit liegt ja auch in der Qualität ihrer Arbeit. Und mir ist ja auch ein Arzt lieber, der etwas von seiner Kunst versteht, als einer, der nur fromm ist und einen edlen Charakter hat. Man kann verstehen, dass man damals in den Zeiten religiöser Diktate misstrauisch war gegen die religiösen Überdeutlichkeiten. Die Zeit und die Gesellschaft, in der wir leben, leidet nicht mehr an Zwangskonturen und Überdeutlichkeiten. Wir leiden eher am Verschwimmen aller Konturen. Wir leiden daran, dass Ideen keine Orte und keine Klarheit haben. Wir leiden daran, dass so wenige Gruppen leidenschaftliche Ideen vertreten. Wir leiden daran, dass niemand missioniert. Mission ist die gewaltfreie Selbstrepräsentation und Unverborgenheit der Kirche. Religiöses Selbstbewusstsein und Mission sind nicht voneinander zu trennen. Wer von etwas überzeugt ist, zeigt sich in seinen Überzeugungen. Der Geist stirbt, wo er sich nur verbirgt. Christen werden zu Christen, indem sie sich als Christen zeigen. Evangelische Krankenhäuser werden zu evangelischen Krankenhäusern, in dem sie als solche erkennbar werden. Man wird der, als der man sich zeigt. Was sich verbirgt, stirbt.

Sich zu zeigen ist nicht nur eine Notwendigkeit für die Glaubenden selber. Es ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Eine Gesellschaft kann sich selber nur deutlich werden, wenn sie auf Inseln der Deutlichkeit stößt. Kinder und Jugendliche können sich selber nur deutlich werden, wenn sie auf deutliche Gesichter stoßen; auf erkennbare Institutionen. Mission heißt nicht, dass man beabsichtigt, alle zu Christen zu machen. Es gibt andere Wege des Geistes. Es heißt aber, dass man Menschen zu ihrer eigenen Deutlichkeit verhilft, indem man sich selber kenntlich macht. Der Hunger nach Deutlichkeiten ist groß in unserer Gesellschaft. Das wissen wir spätestens, seitdem es die merkwürdige Aufmerksamkeit auf die Auftritte der Päpste gibt. Ich lese daraus den Hunger nach erkennbaren Figuren und Institutionen. Ob dieser Hunger durch den Auftritt der Päpste gestillt wird, ist eine andere Frage

Protestantische Deutlichkeit hat einen Inhalt und eine Form. Ich rede zunächst von der Form. Evangelische Häuser hat man früher erkannt an der Tracht der Diakonissen, an den Andachten, an den Bibelsprüchen, die eingerahmt an den Wänden hingen. Woran erkennt man sie heute? Was sind die Sitten evangelischer Häuser. Ich liebe das Wort Sitten. Wo es Sitten gibt, sind die Menschen nicht nur auf die Kraft ihrer eigenen Herzen angewiesen. Sitten befreien Menschen von Entscheidungszwängen. Ein altes Leiden war, dass man sich nicht selbst entscheiden durfte, weil schon alles von Sitte und Tradition entschieden war. Ein neues Leiden könnten die zermürbenden Entscheidungszwänge und die zerstörerische Beliebigkeit sein, wo Menschen nicht geholfen wird durch Einrichtungen, vorhandene Rhythmen und Gewohnheiten. Was die Sitten und Formen von christlichen Institutionen sein können, wage ich nicht zu sagen. Ich wünsche nur, dass es sie gibt und dass ihr Geist auch eine Form findet. Der Geist kommt mit sich selber nicht aus. Es muss nicht nur gute Menschen geben. Wir brauchen auch gute Orte mit guten Einrichtungen.

3. Die Kunst des Abdankens

Die Gesellschaft und ihre Alten

Wozu braucht eine Gesellschaft ihre Alten? Hätte man diese Frage vor 200 Jahren gestellt, wäre sie leicht zu beantworten gewesen. Die Alten waren die Klügeren, weil sie länger gelebt haben. Sie haben am längsten das Wetter beobachtet, gepflügt, gesät und Tiere gezüchtet. In der alten, sich kaum verändernden Welt hatten sie die meiste Erfahrung und konnten somit am besten die Regeln formulieren, nach denen zu leben war. Weil die Welt sich kaum veränderte, war das Leben und das Verhalten der Alten der Grundplan, der auch für das Leben der Jungen galt. Die Vergangenheit der Alten sollte die Zukunft der Jüngeren sein. Wie sie sollte man sich verhalten, denken, die Kinder erziehen, die Saat bestellen, die Tiere versorgen. Man sollte sich räuspern und spucken, wie sie sich geräuspert und gespuckt haben. Die Alten waren also in jener Zeit physischer und geistiger Immobilität und Unveränderlichkeit unerlässlich für den Lebensplan der Jungen. Das war nicht nur geistloser Traditionalismus. sondern die Traditionen bargen die Klugheit von Jahrhunderten.

Dazu kommt, dass die Alten jener unbeweglichen Welt nicht sehr alt waren. Die Lebenserwartung der Menschen war gering, und alt war man früh und noch lebensstark. Bei den Römern wurde man ab dem 45. Jahr Senior genannt. Als Kant 50 wurde, hat der Festredner ihn begrüßt mit der Anrede "Ehrwürdiger Greis". Von jenen kräftigen Alten war also viel zu lernen in den unbeweglichen Welten. Leicht konnte man also sagen, warum man die Alten in jener Welt brauchte.

Wir leben in anderen Welten. Junge Alte werden heute die genannten, die noch vor 100 Jahren als Uralte gegolten haben. Aber nicht nur die Lebenserwartung hat sich geändert, sondern die Lebenswelt selber. Lebensklugheit kann nicht mehr einfach am Alter abgelesen werden. Unsere Welt wandelt sich so rasch, dass die Erfahrung und das Wissen von gestern nur noch bedingt für heute taugen. Wir haben eine für alte Verhältnisse unvorstellbare Situation: wir lernen von unseren Kindern und Enkeln. Was wir Alten gestern gelernt haben, hat in der Gegenwart nur beschränkte Gültigkeit. Meine Enkelkinder helfen mir mitleidig, wenn ich am Computer verzweifle. Meine Kinder sprechen besser Englisch als ich. In meiner alten Welt hatte Latein und Griechisch Vorrang. So stoße ich in der neuen Welt ständig auf Grenzen, die meine Kinder und Enkel längst übersprungen haben. So stellt sich in Schärfe die Frage, was die gegenwärtige Gesellschaft von den Alten lernen kann. Ein großer Schmerz von uns alten Menschen ist ja, mehr und mehr zu spüren, dass wir nicht gebraucht werden. Gerade in einer Zeit, die alles durch Effizienz und Gebrauchswert bestimmt, können sich die nur schwer rechtfertigen, die nicht mehr von unmittelbarem Nutzen sind.

Warum eine Gesellschaft die Alten nicht braucht, ist also leicht zu sagen; schwerer, warum sie sie braucht. Dazu möchte ich mit einem Bild beginnen. Ich war in diesen Tagen im Elsass in einem alten, breitgefügten Bauernhaus. Es stand in einem großen Garten, umgeben von Nussbäumen. Ich habe das Haus gerne angesehen. Ich habe darüber nachgedacht, wie viel Kinder in diesem Haus geboren und wie viel Tote aus ihm getragen wurden. Wie es dastand mit seinen Jahren, vermittelte es das Gefühl von Kontinuität und Dauer. So ist es mit alten Leuten. Sie kommen von weit her, haben viel gesehen und erfahren. Sie sind vielleicht nicht weiser geworden mit ihren Erfahrungen, aber sie haben sie gemacht und standgehalten. Sie sind geschüttelt worden wie die Nussbäume vor dem Haus im Elsass, und sie sind nicht untergegangen. Alte Leute geben das Gefühl von langer beständiger Zeit. Zur Lebensgewissheit gehört das Gefühl von Kontinuität und Dauerhaftigkeit. Sie kann nur erfahren werden, wo mindestens drei Generationen sichtbar sind und miteinander leben. Menschen werden von ängstlicher Zufälligkeit geschüttelt, wo sie nur sich selber und die eigene Zeit erleben, höchstens noch die der nächsten Generation. Das wohl macht die Geborgenheit aus, die Kinder bei ihren Großeltern erleben. Alte Leute bauen Brücken über die Zeiten. Sie tun es mit ihrer puren Existenz. Sie tun es, indem sie erzählen. Das Erzählen ist die Kunst der Alten, und man erwartet diese Kunst bei den Alten. Sie haben mehr Zeit, und sie haben länger gelebt. Erzählen heißt, Zusammenhänge herstellen. Die Erzählung macht aus den treibenden Bruchstücken des Lebens einen Strom aus Zeit und Sinn. Wenn wir unseren Enkeln erzählen, bleiben sie nicht in der stummen Gegenwart eingekerkert. Sie lernen, woher sie kommen und wohin sie gehen. In jedem Märchen, das wir erzählen; in den biblischen Geschichten und in den Geschichten unseres eigenen Lebens flüstern wir unseren Kindern zu: das Leben geht. Du kannst dem Unglück entrinnen, wie wir Alten entronnen sind; wie Hansel und Gretel der Hexe entronnen sind und Jona aus dem Bauch des Walfischs gerettet wurde.

Es gibt andere Gründe für die notwendige Sichtbarkeit des Alters. Die Szene wäre illusionär, wenn auf ihr nur Junge, Starke und Gesunde sichtbar wären. Das Gefühl für die Endlichkeit des Lebens entsteht erst, wo wir endliches Leben wahrnehmen; wo wir Menschen dahinwelken und sterben sehen. Mit jedem Blick, den ich auf alte Leute werfe, lerne ich den Satz: Mensch, du musst sterben! Ich lerne ihn nicht in Panik, sondern in alltäglicher Gelassenheit. Das ist das Problem unserer Großstädte, in denen das Alter und der Tod in unsichtbare Winkel verbannt sind. Sie geben das illusionäre Gefühl, das Normale sei nur das Leben in seiner Stärke. Aber zur Normalität gehören Leben und Tod, Blühen und Vergehen. In dem Dorf, in dem ich groß geworden bin, sah man täglich alte Leute; man sah sie hinfälliger werden. Dann schließlich wurde ihr Sarg für alle sichtbar aus den Häusern und zum Friedhof getragen. Man ging oft auf den Friedhof und behielt lange das Datum ihres Todes im Gedächtnis. Zur Ars moriendi, zur Sterbekunst, gehörten die sichtbare Hinfälligkeit und das Sterben der Menschen. Wie kann man ohne falsche Dramatik wissen, dass man sterblich ist, wenn man Alte Menschen nur noch im Zoo der Altersheime - der Seniorenheime sagen wir verschleiernd - wahrnimmt!

Alte Menschen sind immer weniger zu etwas tauglich und verwendbar. Wenn sie nicht zu alt sind, können sie noch auf die Kinder aufpassen oder Kartoffel schälen. Aber weniger und weniger können sie sich durch sich selbst rechtfertigen. Immer weniger können sie sich durch ihre Arbeit, durch ihre Intelligenz und ihren Witz rechtfertigen. Sie sind, weil sie sind. Sie sind nicht, weil sie etwas leisten. Kinder sind zunächst ebenfalls nicht durch ihre Funktion für die Gesellschaft gerechtfertigt. Aber sie sind immerhin eine "Investition für die Zukunft", wie Zyniker sagen. Aber da gibt es Menschen, deren Existenz sich nicht durch ihren Leistungs- und Ertragswert ausweisen lässt: Behinderte, dauerhaft Erkrankte, Alte. Sie lehren uns, dass der Mensch nicht für Zwecke da ist. Wenn wir sie dulden und sichtbar sein lassen, lehren sie uns, was Gnade ist - dass der Mensch ungerechtfertigt da sein darf; nicht gerechtfertigt durch die Größe seiner Taten, seiner Stärken; nicht ausgewiesen durch seine Verwendbarkeit. Es ist etwas wundervoll Widerborstiges und Anarchistisches in einer Gesellschaft, die Alte, Kranke, Behinderte sichtbar sein lässt. Eine solche Gesellschaft weiß, dass das Ziel des Menschen nicht seine Verwendbarkeit ist. Dies aber ist ein Grundwissen der Humanität, dass kein Mensch eines Zweckes wegen da ist. Vielleicht hat man am stärksten zweckhaft vom Menschen in der Nazizeit gedacht. In sich selber galt er nichts, wie der zynische Satz "Du bist nichts, dein Volk ist alles" es lehrte. Der Einzelne war immer vom Ganzen her definiert, vom Volk, vom Vaterland, vom Führer. Es ist nur konsequent, dass die Nutzlosen Esser ausgerottet wurden, die Kranken und Behinderten. Ganz sicher wären auf Dauer auch die ganz Alten dran gekommen.

Es erhebt sich aber eine Frage an uns Alte. Wenn die Gesellschaft die Sichtbarkeit unseres Alters braucht, dann sollten wir selbst es nicht verbergen; dann sollten wir zu unserer eigene Endlichkeit und Sterblichkeit stehen. Wir Alten sollten uns von niemanden einreden lassen, wir seien eigentlich noch nicht alt. Wir sollten es uns auch selber nicht einreden. Wir sollten uns nicht verschämt Senioren nennen und nennen lassen, wenn wir nichts als alt und gebrechlich sind. Wir sind es der eigenen Würde und der Gesellschaft schuldig, nicht zu protzen mit dem wenigen, was wir noch haben - mit dem bisschen Gesundheit, mit dem geistigen und physischen Vermögen. Es ist lächerlich und abstoßend, wenn wir uns als Siebenzigjährige wie Fünfzigjährige benehmen, die Haare färben, kleiden. Wir sollten allmählich die Große Lebenskunst gelernt haben, uns nicht mehr durch uns selber zu rechtfertigen. Das wäre auch unsere eigene Vorbereitung auf den Tod. Denn am Ende des Lebens ist man durch gar nicht mehr gerechtfertigt außer durch den Blick der Güte, der uns schöner findet, als wir sind und je waren.

Die Einsamkeit des Alters

Ich bin alt, aber ich war nicht einsam, solange meine Frau noch gelebt hat. Sie war täglich um mich, und ich war täglich um sie. Ich hörte sie, wenn sie auf Ihrer Schreibmaschine schrieb; wenn sie in die Küche ging, um sich einen Kaffee zu machen. Einsam bin ich, nachdem sie nicht mehr da ist. Das Haus ist anders - /.u groß. Die Stille, die ich sonst liebe, wird zur toten Lautlosigkeit. Ich kann mich schlechter auf meine Arbeit konzentrieren, und ich entwerfe Strategien, mir selber zu entkommen.

Wenn ich allein bin, vernachlässige ich die Rituale, die den Tag gliedern. Ich esse, wann ich Lust habe. Ich gehe zu Bett und stehe auf, wann ich Lust habe. Ich bin in inhaltsloser Freiheit immer bei mir, bei meiner Lust oder meiner Unlust. Ich werde nicht von mir selber befreit durch Gespräche, die ich habe, und durch Regeln, an die man sich hält, wenn man zu zweit oder mit mehreren lebt. Einsam wäre ich, wenn kein Mensch mich von mir selbst befreite.

Ich bin nicht einsam, weil ich arbeite. Ich arbeite vermutlich mehr, als ich zur Zeit meiner Berufstätigkeit gearbeitet habe. Ich lese, ich schreibe, ich halte Vorträge. Ich liebe meine Arbeit. So lange ich sie tue, vergesse ich die bisher noch leichten Beschwerden des Alters. "Arbeit macht frei!" war der zynische Spruch über dem Eingang von Auschwitz -zynisch, weil er am Ort der Barbarei stand. Sonst aber stimmt er. Arbeit befreit mich davon, unerträglicher Gast meiner selbst zu sein. Ich kann mich vergessen, ich kann mich über etwas anderes empören als über mich selbst. Ich kann etwas anderes lieben als mich selbst. Nicht auf sich selber gebannt zu sein, ist vielleicht das stärkste Zeichen seelischer Gesundheit. Die Arbeit ist besonders für meine Generation wichtig, die sich so sehr über Arbeit definiert hat. Wir kommen noch aus kargen Zeiten, in denen die Menschen viel arbeiten mussten. So wurde die Arbeit selbst zum Lebensinhalt. Das ist in vieler Hinsicht problematisch, aber so war es eben in jenen Zeiten, in denen das Leben wenig Spiel hatte. Einsam wäre ich, wenn ich nicht mehr arbeiten könnte, zumindest einsamer, als ich es jetzt bin.

Ich bin nicht einsam, weil ich Kinder und Enkelkinder habe und Freunde und Freundinnen. Ich sehe sie, ich telefoniere mit ihnen, wir schicken uns Mails, ich koche für sie. Ich lebe also in Zusammenhängen. "Er spricht zusammenhanglos." sagen wir, wenn jemand verwirrt spricht. Dieser Verwirrung bin ich bisher entkommen, weil ich den Zusammenhang der Generationen sehe und den Zusammenhang der Welten, die mir durch meine Freunde vermittelt werden. Und doch hat sich einiges verändert: ich wachse heraus aus diesen Zusammenhängen, weil die Kinder mich nicht mehr lebensnotwendig brauchen. Wenn ich jetzt stürbe, wären sie traurig. Aber es brächen für sie keine Welten mehr zusammen, wie es der Fall ist, wenn eine Mutter oder ein Vater in jungen Jahren stirbt. Ich werde nur noch begrenzt benötigt. Das ist der Anfang der Einsamkeit.

Ich bin nicht einsam, weil ich mit der Welt, in der ich lebe umgehen kann. Ich ängstige mich nicht, wenn ein Radfahrer auf meinem Gehweg kommt. Ich bin noch beweglich genug, ihm rasch auszuweichen. Ich kann einkaufen, die Steuererklärung ausfüllen (jedenfalls nicht schlechter, als ich es immer gekonnt habe).- Ich kann mich in der Stadt orientieren, ich bin nicht unsicher, wenn ich Zug fahre oder in ein Flugzeug steige. Ich bin noch selbständig meiner Umgebung und meiner Welt gegenüber. Einsam werde ich sein, wenn mir diese äußere Welt nicht mehr vertraut ist; wenn kleine Verrichtungen zu großen Angelegenheiten werden und wenn ich die einfachen Lebenstechniken nicht mehr beherrsche.

Ich bin nicht einsam, weil ich nicht ernsthaft krank bin. Ich bin mit den Menschen, mit denen ich lebe, auf einer Ebene. Einsam werde ich als alter Mensch, wenn ich diese gemeinsame Ebene verliere; wenn ich zum Beispiel als alter und kranker Mensch liegen muss, während die anderen stehen. Einsam werde ich, wenn die Menschen eher über mich sprechen als mit mir; wenn sie sich über meine Krankheit unterhalten und besorgt sind. Einsam bin ich, wenn die Angst über meine Zukunft mich packt. Dann komme ich nicht mehr von mir los und klebe ständig an mir selber. Wenn ich in mir selber eingekerkert bin, gerate ich in eine Wahnwelt. Alle Gefahren werden größer, als sie sind. Alles wird spukhaft in der Eingeschlossenheit in sich selber. Ich gerate in die Gefahr, mich in eine Wahnwelt zu steigern; in die Gefahr, mich zwanghaft zu wiederholen; in die Gefahr, mich selber ins Nichts zu steigern.

Der Deutungszwang gehört zu dieser Wahnsituation: Der Arzt sagt etwas zu meiner Frau. Ich habe es nichts verstanden. Sollte ich es nicht verstehen? Mein Misstrauen wächst. Hat er ihr von der Verschlechterung meiner Krankheit erzählt? Warum sind plötzlich drei meiner Kinder auf einmal da? Zufall, oder hat man sie benachrichtigt? Ich bin in der Gefahr, jedem Vorgang, jedem Mienenspiel, jedem Wort eine zweite Bedeutung zuzuschieben. Nichts mehr ist, was es ist, und nichts sagt mehr nur das, was es sagt. Nichts mehr ist Zufall, alles ist omen, aufgeladen mit Bedeutung. Nein, ich bin nicht einsam. Denn noch kann ich die Welt einschätzen, wie sie ist und ich stehe nicht unter dem Zwang, allem Bedeutung zu verleihen.

Ich merke, dass in meinem Text ein Wörtchen reichlich Junge geworfen hat: das Wort noch. Noch lebe ich mit anderen zusammen, noch gehe ich wie ein Gesunder, noch ist das äußere Leben geläufig. Mit dem Wort noch stehe zumindest an der Schwelle zur Einsamkeit, weil ich genau weiß, dass die Zeit der Stärke und der Selbstverständlichkeit nur noch Frist ist. Ich bin 70 Jahre, aber nicht diese biologische Tatsache macht hauptsächlich mein Alter aus. Dass ich alt bin, und dass ich in der Nähe des Todes sind, das weiß ich genauer noch durch eine andere Tatsache: meine Frau ist gestorben, drei meiner Geschwister sind schon gestorben, Freunde sind gestorben, Kollegen gleichen Alters und Jüngere sind gestorben. So lerne ich, dass ich sterblich bin. Das ist die letzte Lehre, die uns die Toten geben: wir werden bald sterben. Man sagt, man könne, solange man lebt, die eigene Sterblichkeit nicht begreifen. Ich glaube das nicht. Es gibt zu viele Lehrer dieser Sterblichkeit. Gerade hat es mich meine 6-jährige Enkeltochter gelehrt. Wir sprachen darüber, was sich in 15 Jahren alles verändert haben könnte. Ich sagte zu ihr: "Vielleicht hast du selber dann schon Kinder!" Sie antwortete bekümmert und realistisch: "Aber die Oma und du werdet dann schon tot sein und sie nicht mehr sehen."

Das Sterben ist die Einsamkeit, die allen misslingt und mit der niemand fertig wird. Es ist die Stelle, an der alle Souveränität verloren geht. Der Tod ist die letzte große Unverschämtheit des Lebens. Ihm kann ich nichts mehr entgegensetzen - keine Stärke, keine Tugend, keinen Gleichmut. Ich selber werde mir mit nichts mehr helfen können. Ich werde wehrlos sein und ich muss mich ergeben. Es ist die Stelle meiner letzten und absoluten Bedürftigkeit. Könnte es sein, dass ich dort am meisten bei Gott bin, weil ich am wenigsten bei mir bin? Vielleicht bleibt als letzte Lebensaufgabe, einsamer zu werden; los zu lassen, was uns ausmacht und auf uns selber zu verzichten. Das Alter ist nicht schön (wohl wird es oft genug schöngeredet). Aber eine Schönheit könnte noch gelingen: dass man es aufgibt, sich durch sich selber zu rechtfertigen

Die Kunst des Abdankens

Das Alter ist eine kalte Zeit. Wir Alten stellen mit Schmerz feststellen, dass unsere Welt, in der wir gelebt, geliebt und geweint haben, schon untergegangen ist und dass unsere Kinder und Enkel in ganz anderen Welten leben. Wir verstehen die Musik nicht mehr, die sie lieben. Wir verstehen die Bücher nicht mehr, die sie lesen und die ihnen wichtig sind. Sie sprechen eine andere Sprache als wir Alten. Sie kennen die Psalmen und die Lieder nicht, die uns ein Leben lang getröstet haben. Sie schätzen nicht mehr, was uns selber wichtig ist. Es ist die Zeit der Einsamkeit und des enttäuschten Wartens. Wir sterben aus der Welt unserer Kinder und Enkel weg, lange bevor wir tot sind. Wir sterben nicht erst am Ende unserer Tage. Wir fangen an zu sterben, wenn unsere Kinder uns nicht mehr wirklich brauchen; wenn sie unsere Welt nicht mehr verstehen und wir die Ihrige nicht.

Es ist die Zeit der Abschiede. Sie fängt an, wenn man auf dem Friedhof mehr Bekannte hat als unter den Lebenden. Es ist die Zeit der letzten und vielleicht schwersten Lebensaufgabe: die anderen anders sein zu lassen. Es ist die Zeit, da wir die Endlichkeit lernen, nicht nur weil wir wissen, dass unsere Zeit befristet und kurz ist. Wir Alten müssen auch lernen, dass unser Lebenskonzept, unsere Lebensweise, sogar die Weise unseres Glaubens endlich sind; sie müssen nicht die Konzepte und Weisen unserer Kinder und Enkelsein. Wir müssen unsere Nachkommen gehen lassen. Wir müssen abdanken. Abdanken ist ein schönes altes Wort. Es heißt, sich mit Dank verabschieden; sich selber und die eigene Weise den anderen nicht als Diktat hinterlassen; nicht erwarten, dass sie uns ähnlich sind. Abdanken das heißt sich nicht in Bitterkeit und Resignation abwenden, sondern mit Schmerz und in Heiterkeit zugeben, dass unsere Kinder und Kindeskinder ihre eigenen Wege gehen, so wie wir sie früher gegangen sind. Unsere Kinder sind nicht dazu da, uns selber fortzusetzen. Abdanken zu können, ist ein Stück Gewaltlosigkeit, die uns Alten schöner macht und die bewirkt, dass unsere Nachkommen mit Güte und Zärtlichkeit an uns denken können. Was hinterlassen wir unseren Nachkommen, wenn wir sterben? Ich frage nicht nach materiellen Gütern, sondern nach dem Geist und den Lebenskräften, die wir überliefern. Ich stelle die Frage nicht ohne Angst. Wenn ich bei meinen Kindern und Enkel einen Gesichtsausdruck, eine Reaktion, eine Geste erkenne, die meinen eigenen ähnlich sind, erschrecke ich. Was habe ich ihnen vermacht? In ihr Leben ist alles eingewoben, was mir selber nicht gelungen ist, was ich versäumt habe, was meine Fehlern sind. Und so frage ich mich manchmal, was ich meinen Nachkommen an Lebensmöglichkeiten verwehrt habe. Wir sind auch immer auf die Vergebung unserer Nachkommen angewiesen. Aber, so sage ich mir, wir sind nicht unendlich, auch nicht unendlich in dem, was wir anrichten. Man kann in demütiger Heiterkeit zugeben, dass die Unverwüstlichkeit des Lebens stärker ist als die Verwüstungen, die wir anrichten - besser so gesagt: dass Gott größer ist als unsere Schuld. Wir sind nicht allmächtig, auch nicht in unserer Schuld und in dem, was wir falsch gemacht haben. Gottseidank - wir sind endlich!

Nein, wir hinterlassen unseren Nachkommen nicht nur unsere Lebensschulden. In demütigem Stolz können wir auch sehen, dass die, die nach uns kommen, von den Lebensbroten leben, die wir für sie gebacken haben. Sie sind die Erben unseres kleinen Gelingens, nicht nur unserer Schulden. Sie stehen auf unseren Schultern mit ihrem eigenen Leben, wie wir unser ganzes Leben lang auf den Schultern von anderen gestanden haben. So war unser Leben nicht umsonst. Ich wünsche mir eine Zeit, in der die Eltern und die Großeltern Sorge tragen für die Welt, die Atemluft und die Lebensträume ihrer Kinder; eine Zeit also, in der Menschen nicht in verblendeter Heutigkeit nur an sich selber denken. Ich wünschen mir eine Zeit, in der die Enkel die Namen ihrer Großeltern wissen, auch wenn sie schon lange gestorben sind. Sorge und Gedächtnis machen die Welt menschlicher und verbinden die Generationen.

Auf halber Treppe

Thomas Mann nennt in seinem Josefsroman den alten Jakob "schwer von Geschichten". Von welcher Schwere sind die Geschichten von uns Alten? Der Dank gegen Gott und der Stolz auf uns selbst erlaubt es, uns zunächst an die Geschichten des Gelingens zu erinnern. Wir hatten eine Kindheit. Obwohl in schrecklichen Zeiten, bestand sie nicht nur aus Schrecken. Wir hatten eine Jugend, in der wir mehr gehofft haben, als unsere Jugendlichen hoffen. Wir hatten Ruhe zum Lernen und zur Ausbildung. Wir hatten Ideen und haben einiges dafür gearbeitet. Wir haben geliebt und wurden geliebt. Und wir hatten Tränen, über die zerbrochenen Lieben zu weinen.

Mit all dem sind wir nicht bis ins Land der Träume gekommen. Vieles ist zerbrochen von dem, was wir hatten. Vieles haben wir nur halb gehabt und gemacht. Aber wir hatten wenigstens die Hälfte. Wer sagt denn, dass die Süße nur in der Ganzheit liegt! Wir sind "schwer von Geschichten". Von keinem protestantischen Vollkommenheitsterrorismus lasse ich mir das Halbe und nicht zu Ende gebrachte entwerten. Es gibt ein englisches Kinderlied, das uns beschreibt:

Half way up the stairs
is the stair, where I sit!
There isn't any other stair
quite like it.
It isn't at the bottom.
It isn't at the top.
Half way up the stairs
is the stair
where I always stop.

Auf halber Treppe sitzen wir,
es ist nicht oben, nicht unten.
Auf halber Treppe sitzen wir.

Dankbarkeit also für die Hälfte der Treppe, auf die wir kommen durften! Aber nun zu der anderen Hälfte der Treppe, die wir nicht geschafft haben; zu den anderen "schweren Geschichten"! Es sind die Geschichten unserer Niederlagen. Wenn wir jungen Menschen etwas voraus haben; wenn es so etwas wie die Weisheit des Alters gibt, dann ist es die größere Anzahl der Niederlagen - der persönlichen und politischen. Vielleicht sind einige davon gelungen. Vielleicht haben uns einige nicht bitterer, resignierter und zynischer gemacht. Vielleicht haben uns einige von falschen Hoffnungen befreit. Vielleicht hat uns unsere Schwäche humanisiert - wenigstens hie und da.

Schwerer ist es, mit den anderen Geschichten umzugehen: Mit den Geschichten unserer Schuld. Zerstörungen haben wir nicht nur erfahren, wir haben sie auch angerichtet, und wir haben Leben beschädigt. Wir sitzen auf halber Treppe und können sie nicht neu hinaufgehen. Wir müssen damit leben, dass bestimmte Dinge unseres Lebens nicht wiedergutgemacht werden können; dass sie unwiederbringlich sind und dass keine Chancen auf Heilung bestehen - zumindest nicht durch uns. Was soll man sagen? Und kann man etwas sagen, ohne sich voreilig zu trösten? Vielleicht dies: dass wir nicht die Garanten und Retter der Welt sind. Vielleicht muss man an Gott glauben, um nicht grandios zu ersticken in dem, was wir versäumt haben. Die Sünde nicht zu vergessen - und nicht so eitel sein zu glauben, sie diktiere die Zukunft - das wäre eine Form der Weisheit, eine geglückte Niederlage.

Was bleibt auf halber Treppe? Zunächst die halbe Treppe, die wir gestiegen sind: all das, was wir gesehen und gehört haben; was wir gearbeitet und gelitten haben; alle Liebe, die sich eingekerbt hat in die Züge unserer Seele. Es bleibt aber auch noch ein Stück Arbeit: sich einzuüben in die sanften Tugenden der Geduld, der Langsamkeit und des Verzichts. Resignation - nicht als verbitterte Zukunftslosigkeit, sondern als Abdanken - ich habe davon gesprochen. Es bleibt vielleicht noch etwas Anderes - vielleicht bis zum letzten Atemzug: die Lebenszugewandtheit und die Lebensneugier, die wir mit Leiden und Lieben gelernt haben. Dann können uns die Jüngeren sagen:

So sollst Du, munt'rer Greis,
Dich nicht betrüben!
Sind gleich die Haare weiß,
doch wirst du lieben.

Am Ende steht der Name Gottes, am Ende unserer Arbeit und am Ende unseres Lebens. Wir wissen nicht genau, was wir sagen, wenn wir ihn nennen. Alt werden, heißt erkennen, dass wir nicht genug sind. Wir sind nicht genug, die Welt zu retten und das Leben zu wärmen. Wir einzelnen und wir alle zusammen sind nicht genug, die Stadt zu bauen, in der der Tod entmachtet ist. Der Name Gottes ist unsere große Erleichterung: wir müssen nicht genug sein. Die Last der Welt liegt nicht auf unseren Schultern. Wir können in Heiterkeit Fragment sein. Das gibt unserem Leben Spiel, dass wir selber nicht alles sein müssen. Der Gedanke, dass wir an Gott genesen und dass niemand an unserem Wesen genesen muss, macht uns erträglich für uns selber und macht uns erträglich für die anderen. Wir können die Arbeit aus den Händen legen, nachdem wir unseren Teil getan haben, gut oder schlecht - wir müssen darüber nicht urteilen. Vielleicht ist das die letzte große Kunst, die wir zu lernen haben, dass wir das Urteil über uns selbst nicht fällen. Wir sind, die wir sind am Ende unseres Lebens. Mehr brauchen wir nicht. Wir brauchen uns nicht zu loben, wir brauchen uns nicht zu verdammen. Wir sind vor den Augen der Güte, die wir sind.

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