Eigentlich begann alles sehr harmlos: Der neugewählte amerikanische Präsident George W. Bush wehrte sich dagegen als sprachgestört bezeichnet zu werden, sondern die korrekte Sprachregelung sei "verbal herausgefordert" (verbally challenged). Die Bewegung zur sprachlichen Korrektheit wurde rasch zu einem globalen Phänomen. Bald waren auch Wörter wie "alt", "betagt" oder gar "hochbetagt" allgemein verpönt. Auf Druck der Rentnerorganisationen wurden ältere Menschen ab dem Jahre 2010 offiziell zu "Langzeitjugendlichen" (english: The long time young) umbenannt. Der Verwaltungsrat der Schweiz AG - ehemals Bundesrat genannt - liess die AHV zur JUHA unbenennen, wobei gleichzeitig eine Sondersteuer auf Viagra-Pillen und Hormontherapien die Finanzierung der ego-zentrierten Jugendarbeitsrente absicherte. Die Pro Senectute wurde kurz darauf zwangsweise zur Pro Juventute II, und aus dem Altersheim Wiesengrund wurde das Spät-Adoleszente Wohnheim Tina Turner.
Wirtschaft und Marketing stürzten sich voller Energie in das demographische Verjüngungsprogramm, ab 2015 unterstützt von der Schweizerischen Verjüngungs-Partei (SVP). Unter dem Schlagwort "Entfalten Sie sich" verkauften Migros und Coop zwangsweise Gesichtsbügeleisen. Auch die biogenetische Industrie - unter Führung von Nova-Artis - nützte die Gunst der Stunde, um die Xenotransplantation voll durchzusetzen. Sehr erfolgreich erwies sich der Werbespot "Schwein gehabt", der aufzeigte, wie eine Schweinsnierentransplantation mit einer anschliessenden Grillparty verbunden wurde.
Erwartungsgemäss ergaben sich einige Nebenwirkungen. So führte die Xenotransplantation zu neuen Hautkrankheiten, etwa dem Borstenfleckfieber, aber eine gewisse Widerborstigkeit wurde bei Langzeitjugendlichen durchaus akzeptiert.
Zum Problem wurde zeitweise die Tatsache, dass körperliche Verjüngung und geistige Entwicklung auseinanderfielen, und Gedächtnisverluste vor allem bei langlebigen Spätpupertierenden gehäuft auftraten. Dieses Problem wurde teilweise dadurch gelöst, dass - in Anlehnung an viele glorreiche Beispiele aus Wirtschaft und Politik - Verwaltungsräte von Grossunternehmen zur Hälfte mit Gedächtnislosen besetzt wurden. Parallel dazu forcierte die Wirtschaft die Entwicklung intelligenter Häuser, intelligenter Autos und intelligenter Medikamente (Slogan: "Einsamkeit verhindern. Schlucken Sie sozial kompetente Pillen"). Auch Haustiere wurden gezielt intelligentisiert, und schon ab dem Jahre 2025 waren Meerschweinchen Marke Soft-Micro intelligenter als Durchschnittsmenschen. Im Jahre 2026 kam es allerdings zu einem kleinen Skandal, als die von Nationalräten massenweise benützten Intelligenz-Meerschweinchen in einem Putsch kurzfristig das Ratspräsidium übernahmen.
Wie auch immer, die Entwicklung zu einer aktiv verjüngten Gesellschaft war nicht aufzuhalten, und entsprechend wurde auch das Lehrprogramm gerontologischer Ausbildungsstätten nach und nach angepasst. Ab dem Jahre 2010 war die Anpassung vollständig: die Schule für Angewandte Gerontologie wurde zur Schule für Aktive Verjüngung. Der Begriff Gerontologie kam allgemein aus der Mode, und geriatrische Fragen bzw. Fragen misslungener Verjüngung wurde der Kinderheilkunde angehängt.
Dem neuen Programm entsprachen sachgemäss auch die Diplomarbeiten der Schule für Aktive Verjüngung. Zur Illustration einige Beispiele von Diplomarbeiten aus dem Lehrgang Basel/Elsass 2026:
Übergang in die späte Jugend - vom Berufsjugendlichen zur Freiwilligenarbeit,
Trotzphasen bei 100-Jährigen im Geschlechtervergleich - ein entwicklungspsychologisches Phasenmodell,
By-pass-Operationen an der Eiger-Nordwand - die Risiken extremer Jugendlichkeit,
Späte Migration in den Weltraum - Abenteuer oder Steuerflucht?
Halbstarke unter sich. Das Selbstbestimmungsmodell des Wohnheims "The Rolling Stones",
Generationenmix - ein Projektbericht: 120jährige helfen 80jährigen bei den Hausaufgaben,
Spitex-begleitete Street-Paraden und Schwerhörigkeit in der letzten Lebensphase
Hanfanbau in Wohnpflegegruppen - ein bewährtes Finanzierungsmodell palliativer Pflege.
Post-adoleszente Bandenkriege in Pflegewohneinrichtungen - Strategien der Selbstverteidigung für Pflegende.
Sterben und Tod - Ende der Jugendlichkeit?
Das Zukunftsprogramm "Zwangsverjüngung" wurde allerdings nach 2030 rasch gestoppt, als George W. Bush der Vierte - Enkelsohn von Bush II - als Präsidentenkaiser in einem postadoleszenten Wutanfall erneut die Altersweisheit betonte. Jugend war danach endgültig "out", allerdings mit der Nebenfolge, dass keine Kinder mehr zur Welt gebracht wurden. Einige Generationen später starb der letzte Mensch, begafft von einer neugierigen Schar intelligenter Meerschweinchen. Was danach kam, ist eine andere Geschichte.*
*Vgl. dazu: Dougal Dixon, After Man. A Zoology of the Future, London 1982.
© 2003-2008 by Dr. Dietmar Höhne - Mail: info@aging-alive.de
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Neue Perspektiven für Beratung und Therapie älterer Menschen

Thomas Friedrich-Hett (Hg.), Positives Altern. Neue Perspektiven für Beratung und Therapie älterer Menschen, Oktober 2007, 230 Seiten, kart., 23,80 Euro
ISBN: 978-3-89942-799-8
Ältere Menschen sind in Beratung und Psychotherapie deutlich unterrepräsentiert. Zurückzuführen ist dies weniger auf deren Vorbehalte als vielmehr auf Berührungsängste von Beratern und Therapeuten.
Mit der Perspektive des "Positiven Alterns" lädt dieser Band zu einer Rekonstruktion unserer Altersbilder ein. Ausgehend von einem systemischen Ansatz werden Grundelemente der beraterischen und therapeutischen Arbeit mit älteren Menschen formuliert und in ergänzenden Beiträgen praxisnah dargestellt. Themen sind dabei u.a. Partnerschaftsberatung im Alter, Beratung homosexueller Senioren, Schreibgruppen und erlebnistherapeutische Methoden, Empowerment-Coaching sowie feministische Seelsorge.
Thomas Friedrich-Hett (Dipl.-Psych. und exam. Krankenpfleger) ist seit über 20 Jahren in psychiatrischen Kontexten tätig. Er ist Lehrtherapeut für systemische Therapie und Beratung (viisa, SG) und arbeitet freiberuflich als Referent, Berater und Supervisor. Webseite: http://www.mics.de