Metamorphose eines Traums

Von Dagmar Müller

Wie kann generationsübergeifendes Zusammenleben konkret aussehen? Dagmar Müller beschreibt, welche Erfahrungen ihr Wohnprojekt in Frankfurt am Main in zweieinhalb Jahren gemacht hat.


Der 1996 gegründete Verein "anders leben - anders wohnen" hat im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim in Kooperation mit der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte (NH) ein generationsübergreifendes Wohnprojekt realisiert (vgl. Mabuse 141). In einem Neubau mit acht Mietwohnungen leben seit zweieinhalb Jahren 13 Frauen, Männer und Kinder im Alter von vier bis 74 Jahren unter einem Dach. Zum Projekt gehört ein Gemeinschaftsraum, der sowohl von den Hausbewohnern als auch von der Nachbarschaft genutzt werden kann. Der Verein verwaltet den Gemeinschaftsraum (Vermietungen, Reinigung) und kommt für die laufenden Betriebskosten auf.

Ich möchte die Erfahrungen beschreiben, die wir im Zusammenleben bisher gemacht haben.

Das Büffet auf der Einweihungsfeier des Wohnprojekts

Das Büffet auf der Einweihungsfeier des Wohnprojekts. Foto: Dagmar Müller

Die erste Zeit nach dem Einzug war geprägt durch ein intensives Kennenlernen der Hausbewohnerinnen und Knüpfen von Kontakten in der Nachbarschaft über den Gemeinschaftsraum. Alle hatten ein großes Interesse, mehr über die unterschiedlichen Lebensgeschichten/-wünsche sowie den sozialen Hintergrund voneinander zu erfahren. Wir erreichen das zum Beispiel durch gegenseitige Besuche in den Wohnungen, auf gemeinsamen Spaziergängen, bei Mahlzeiten (im Sommer: Grillen auf der Dachterrasse), Verabredungen zu Veranstaltungen (Kino, Theater) oder Festen (Geburtstage, Silvester). Daneben trifft sich die Wohngruppe alle zwei Wochen zu einem festen Termin, um sich auszutauschen, organisatorische Fragen zu besprechen oder gemeinsame nachbarschaftsbezogene Aktivitäten zu planen. Die Teilnahme an diesen Treffen ist verbindlich. Wichtige Themen sind zum Beispiel: Wie werden gemeinschaftlich genutzte Räume gestaltet (Treppenhaus, Keller, Terrasse, Gemeinschaftsraum)? Welche Regeln brauchen wir für die Nutzung dieser Räume (Ordnung, Lautstärke)? Wie gehen wir mit dem unterschiedlichen Engagement der einzelnen Hausbewohnerinnen um? Wie wird die Vermietung des Gemeinschaftsraumes organisiert? Wie können wir die Nachbarschaft in das Projekt einbeziehen?

Durch die intensive Auseinandersetzung in der Gruppe zu diesen Themen hat sich eine eigene Gesprächskultur ausgeprägt. Dazu gehört, sich auf die teilweise langen und anstrengenden Gruppendiskussionen einzulassen, mit der unterschiedlichen Wortgewandtheit beziehungsweise Überzeugungskraft der Gruppenmitglieder umzugehen und zu lernen, zuzuhören, den anderen ausreden zu lassen und andere Standpunkte, Erfahrungen und Gefühle gelten zu lassen. Das ist eine Umstellung insbesondere für diejenigen in der Gruppe, die länger allein gelebt haben oder diese Art von Gruppendynamik bisher nicht kannten. Ebenso lernen wir, Entscheidungen anhand gemeinsam ausgehandelter, transparenter Abstimmungsmodi zu treffen. Dazu gehört beispielsweise, daß drei Tage vor einer Besprechung die Tagesordnungspunkte am schwarzen Brett ausgehängt werden, daß jede Wohneinheit unabhängig von der Anzahl der Personen nur eine Stimme hat und für die meisten Entscheidungen eine einfache Stimmenmehrheit gilt. Es fällt allen Generationen nicht leicht, sich um Kompromisse in der Gruppe zu bemühen und Entscheidungen zu akzeptieren, die den eigenen Interessen übergeordnet werden müssen. Das heißt auch, daß die Erwartungen jedes Einzelnen an das Zusammenleben nicht immer erfüllt werden können. Zum Beispiel gibt es bei einigen den Wunsch, wochentags regelmäßig zusammen zu essen. Hier haben wir die Erfahrung gemacht, daß wir dies wegen der unterschiedlichen Tagesgestaltung der Hausbewohner nicht umsetzen können.

Weil unsere Gruppe relativ klein ist, ist es für das Projekt existentiell, daß alle Gruppenmitglieder Aufgaben übernehmen. Zum Beispiel haben sich alle verpflichtet, an größeren Vereinsveranstaltungen mitzuwirken oder auch regelmäßig den Gemeinschaftsraum zu reinigen. Das ist zeitintensiv und kollidiert oft mit anderen familiären oder beruflichen Verpflichtungen oder individuellen Interessen, zum Beispiel in Bezug auf die Freizeitgestaltung oder einfach dem Bedürfnis nach Erholung und Ruhe.

Die Nachbarschaft: "abwarten" und "aktive Unterstützung"


In der Planungsphase stand die Nachbarschaft den Aktivitäten der NH und des Vereins eher skeptisch gegenüber, auch bedingt durch Lärm und Schmutz während der Bauphase. Daneben gab es Unsicherheiten, was unter "anders leben" zu verstehen ist, es wurden auch Vorurteile über "Wohngemeinschaften/Kommunen" geäußert.

Durch vielfältige Angebote im Gemeinschaftsraum, aber auch durch Gespräche und Kontakte auf dem Spielplatz oder Gehweg haben wir die Nachbarschaft recht erfolgreich in das Projekt eingebunden. Der Gemeinschaftsraum wurde im Oktober 2002 mit einem großen Fest offiziell eingeweiht, an dem ca. 150 Nachbarinnen und Interessierte aus dem Stadtteil teilnahmen. Seitdem wird der Raum für unterschiedliche Aktivitäten genutzt, die durch den Verein oder andere Gruppen veranstaltet werden: Sitzgymnastik für Ältere, Mütter-Kind-Cafe, Filmtreff für Erwachsene und Kinder, Informationsveranstaltungen zum Wohnprojekt, Nachbarschaftssingen, Flohmarkt oder Kulturveranstaltungen, wie zum Beispiel eine Kunstausstellung oder eine Lesung.

Diese Angebote werden in einem Schaukasten oder in Aushängen an den Wohnungstüren der Nachbarschaft angekündigt. Der Verein finanziert sie ausschließlich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Es nehmen zwischen sieben und hundert Nachbarn teil. Sie schätzen es, gemeinsam etwas im Stadtteil zu unternehmen und ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus nutzen viele Nachbarn den Gemeinschaftsraum für private Feiern. Dabei spielen die vergleichsweise günstige Nutzungsgebühr, flexible Verwendbarkeit und die gute Raumatmosphäre eine entscheidende Rolle.

Mittlerweile gibt es erste Ansätze, dass Nachbarn den Gemeinschaftsraum für selbst organisierte Aktivitäten nutzen. Beispielsweise boten zwei türkische Mütter einen Spielenachmittag für Kinder in der Nachbarschaft an. Mehrere Nachbarn treffen sich zu einem regelmäßigen Austausch mit dem Verein und wollen diesen bei der Organisation von Veranstaltungen unterstützen.

Konfliktlinien: Orientierung nach innen versus Öffentlichkeitsarbeit


Einerseits haben wir "Wohnen unter einem Dach" als Ziel, andererseits wollen wir eine Öffnung in das Wohnumfeld erreichen und die Öffentlichkeit für die Idee interessieren. Diese doppelte Zielsetzung führt zu Konflikten, die den Gruppenalltag beeinflussen. Im Zusammenleben zeigte sich, das jedes Gruppenmitglied diese Pole je nach Lebensphase/-geschichte und Dauer der Gruppenzugehörigkeit sehr unterschiedlich gewichtet. Ein Teil der Gruppe legte nach dem Einzug den Schwerpunkt auf das gemeinschaftliche Zusammenleben und gemeinsame Aktivitäten der Hausbewohnerinnen. Der Gemeinschaftsraum sollte vor allem durch die Gruppe selbst genutzt werden und dazu entsprechend "wohnlich" eingerichtet werden. Demgegenüber war es für andere Gruppenmitglieder wichtig, das Projekt gegenüber der Nachbarschaft zu öffnen, den Gemeinschaftsraum durch Veranstaltungen "mit Leben zu füllen", Mieteinnahmen zu sichern und auch Verpflichtungen gegenüber der NH einzulösen (Jahresberichte zum Projekt erstellen, Angebote für die Nachbarschaft organisieren, regelmäßige Gespräche mit der NH führen). Die Ausstattung des Raumes sollte entsprechend eher "funktional" sein. Zugleich bewerten diese Gruppenmitglieder die Öffentlichkeitsarbeit als gesellschaftspolitischen Bestandteil des Wohnprojektes. Andere sollten zur Nachahmung motiviert und der Gedanke des generationsübergrei-fenden Wohnens bundesweit gefördert werden.

Dieser Konflikt beschäftigt die Gruppe bis heute und findet ihren Ausdruck in Diskussionen über die Einrichtung des Gemeinschaftsraumes, Planungen zur Vereinstätigkeit und den Umgang mit knappen Zeitressourcen. Der Austausch über diese Themen hat dazu geführt, dass wir versuchen, die unterschiedlichen Erwartungen jedes Einzelnen zu verdeutlichen und bei Gruppenentscheidungen beide "Pole" stärker zu beachten.

Gesellschaftliche Relevanz: "Modernisierte Tradition"


Das Projekt stellt eine mögliche Form dar, gemeinschaftlich zusammenzuleben. Die Voraussetzung dafür ist, dass jedes Gruppenmitglied bereit ist, sich mit der spezifischen Lebenssituation des Altwerdens/-seins aktiv auseinander zu setzen und eine Alternative zu den bereits bestehenden Lebensformen entwickeln zu wollen. Besonders fällt auf, daß die Erfahrungen und Fähigkeiten der Älteren ernst genommen werden; ihr Engagement ist für das Projekt existentiell und wird anerkannt und unterstützt. Zum Beispiel helfen die Jüngeren dabei, das Mobiliar im Gemeinschaftsraum für die Sitzgymnastik umzustellen, was den Älteren allein nicht mehr möglich ist. Die Älteren, die nicht mehr im Berufsleben stehen, sind flexibler und haben mehr Zeit, kontinuierliche Aufgaben zu übernehmen, wie die Verwaltung des Gemeinschaftsraumes, Beantwortung von Anfragen, Beratung von anderen Wohninitiativen, Kontaktpflege zu Netzwerken.

Durch den generationsübergreifenden Charakter des Projektes wird jedoch auch die Lebenssituation der Familien erleichtert, zum Beispiel durch die (spontan vereinbarte) Kinderbetreuung innerhalb des Hauses, gemeinsames Spielen der Kinder, Möglichkeit des Austauschens von Erziehungsfragen, Nutzung bezahlbaren Wohnraumes. Die Jüngeren, die durch Beruf und Familie zeitlich nicht so flexibel sind, übernehmen eher punktuelle Aufgaben (zum Beispiel die Organisation eines Festes, einer Kulturveranstaltung oder Erstellen von Werbematerialien für die Vermietung des Gemeinschaftsraumes). Mit zunehmender Projektidentifikation ändert sich dies jedoch teilweise.

Das Engagement in der Gruppe ist eine Art Vorleistung, ohne dass eine "Versicherung" besteht, dies auch "zurückzubekommen" (für Ältere in Form von Hilfestellungen bei Pflegebedürftigkeit, für Familien: in Form von Kinderbetreuung, Entlastung von ehrenamtlicher Vereinsarbeit und so weiter). Eine gegenseitige Hilfestellung kann nicht eingefordert werden, sondern basiert auf dem gegenseitigen Vertrauen, das wir während des Zusammenlebens aufbauen. Dies setzt voraus, dass die Gruppenzusammensetzung konstant ist, was aufgrund der unterschiedlichen Lebens-Situationen insbesondere der Jüngeren nicht selbstverständlich ist.

Gegenseitige Unterstützung funktioniert


In der relativ kurzen Zeit des Zusammenlebens haben wir die positive Erfahrung gemacht, das der Anspruch gegenseitiger Hilfestellung konkret umgesetzt wird: Das älteste Gruppenmitglied war aufgrund eines Sturzes anderthalb Monate deutlich in der Bewegung eingeschränkt und konnte zum Beispiel nicht lange stehen und alleine keine Treppen mehr steigen. Die Wohngruppenmitglieder haben Essen zubereitet, Einkäufe erledigt, bei Arztbesuchen begleitet oder die Hausbewohnerin einfach "nur" besucht. Die Wohngruppe hat sich dabei informell abgesprochen und ausgetauscht, zudem hat die hilfsbedürftige Mitbewohnerin konkret ihre Bedürfnisse geäußert und verschiedene Hausbewohnerinnen gezielt um Hilfe gebeten. Dieses Beispiel hat aber auch verdeutlicht, daß bei der architektonischen Gestaltung des Hauses dem generationsübergreifenden Charakter des Projekts zu wenig Rechnung getragen wurde. Das enge Treppenhaus, die fehlende barrierefreie Gestaltung der Wohnungen und das Fehlen eines Aufzuges oder Treppenliftes können den Verbleib im Wohnprojekt in Frage stellen, wenn die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist. Damit ist aus unserer Sicht der generationsübergreifende Charakter des Wohnprojektes gefährdet. Deshalb versuchen wir, so bald wie möglich einen Treppenlift aus Eigen-/Drittmitteln zu finanzieren. Ein erster Schritt dazu ist das mit einer Auszeichnung verbundene Preisgeld, das unser Projekt im Rahmen des Wettbewerbes "Netzwerk Nachbarschaft" (ausgeschrieben von BHW und "schöner wohnen") erhalten hat.

Was bleibt nach zweieinhalb Jahren Zusammenleben? Im Alltag hat der Traum vom Wohnen der Generationen neue Facetten bekommen. Wir träumen anders weiter.

Dagmar Müller geb. 1962, Mitglied im Verein anders leben - anders wohnen, Kontakt: Leuchte 35a, 60388 Frankfurt am Main, Tel.: 06109-37 63 96.

Aus: Dr. med. Mabuse 155 • Mai/Juni 2005, S. 29-31

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Was sagen nun die Bilder, die wir uns heute vom Alter und vom Altern machen über uns und unsere Gesellschaft aus? Stimmen sie mit der Wirklichkeit überein? Wie hat sich das Bild vom Alter verändert? Wie sehen sich Menschen, die heute alt sind und wie werden sie im Unterschied dazu von ihrer Umgebung gesehen? Welches Bild von sich entwickeln Jüngere, wenn sie an sich selbst als alte Menschen denken und was tun sie, um dieses Bild von sich zu realisieren?

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