Die Revolution der Lebenserwartung

Von Manfred Vasold


Die Menschen in den Industrieländern erreichen heute ein hohes Alter, sie bleiben länger gesund, körperlich leistungsfähig und selbständig. Die mittlere Lebenserwartung ist im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts gewaltig gestiegen. In Deutschland hat sie sich seit 1880 verdoppelt, und bei jedem Jahrgang nimmt sie weiterhin um zwei bis drei Monate zu. Änderungen in der Lebensführung und die Fortschritte der Medizin sind die Hauptursachen. Immer weniger Menschen müssen körperlich schwer arbeiten, ihre Ernährung ist deutlich besser geworden, und die Zahl derer, die Sport treiben, ist ebenfalls stark angewachsen. Die Lebenserwartung für Neugeborene beträgt heute in Deutschland für Jungen 77,2 und für Mädchen 82,4 Jahre. Untersuchungen für ein Demographieprojekt der Vereinten Nationen kommen zu dem Ergebnis, daß die Lebenserwartung der Weltbevölkerung, beide Geschlechter zusammengenommen, von derzeit 68 auf 76 Jahre im Jahr 2050 steigen wird.

Deutschland 1895: Gruppenaufnahme einer Großfamilie in Bayern mit elf Kindern.
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Bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein galt, was der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) in seinem Buch „Leviathan" über das menschliche Leben geschrieben hatte: Es sei einsam, armselig, gemein, viehisch und kurz. Das Erwachsenenalter erreichte im achtzehnten Jahrhundert nur etwa jeder zweite, und von den jungen Erwachsenen starb wiederum jeder zweite vor dem Erreichen des sechzigsten Geburtstages. In der Stadt Wien zum Beispiel waren Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nur wenig mehr als ein Fünftel aller Bestatteten älter als fünfzig Jahre. Auch den deutschen Herrschern, von Albrecht II. (1438-1440) bis zu Franz II. (1792-1806), erging es nicht viel anders: Die Kaiser standen nach dem statistischen Durchschnitt im 57. Lebensjahr, wenn sie das Zeitliche segneten.

Bis 1880 war die Lebenserwartung niedrig. In Mitteleuropa lag sie zur Zeit der Reichsgründung (1871) im statistischen Durchschnitt bei 37 Lebensjahren. Selbst in Friedenszeiten war die Sterblichkeit meist höher als während der Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts. Je höher aber die Sterblichkeit, desto geringer die mittlere Lebenserwartung. In Europa erhöhte sich die Lebenserwartung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst nur wenig, weil die Sterblichkeit in den Städten größer war als auf dem Lande und dies zugleich das Zeitalter einer raschen Verstädterung und Industrialisierung war. In Deutschland ging sie zeitweise sogar etwas zurück, weil die städtische Bevölkerung so rasch wuchs und immer wieder Epidemien das Land überzogen.

In den großen Städten lebte man dicht zusammengepfercht beieinander, die Luft war von den Abgasen aus Industriebetrieben hochgradig verschmutzt, das Trinkwasser in den öffentlichen Brunnen mit Schadstoffen verUnrdrdgt Di6Städte waren „ungesund", ihre Bewohner wurden nicht alt. „Eines der größten Verkürzungsmittel des menschlichen Lebens ist: das Zusammenleben der Menschen in großen Städten", schrieb der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1796) in seinem Buch „Makrobiotik oder die Kunst das Leben zu verlängern". „Rousseau hat vollkommen recht, wenn er sagt: der Mensch ist unter allen Tieren am wenigsten dazu gemacht, in großen Haufen zusammen zu leben."

Goethes Mutter schenkte sechs Kindern das Leben, nur eines erlebte seinen dreißigsten Geburtstag. Noch im neunzehnten Jahrhundert war die Säuglingssterblichkeit sehr hoch. In den Städten lag der Anteil von Säuglingen und Kleinkindern (bis fünf Jahre) unter den Verstorbenen mitunter bei 50 Prozent. Die schwächsten Glieder der Gesellschaft zahlten den Preis für die industrielle Revolution. Wo es eine hohe Säuglingssterblichkeit gibt, ist eine mittlere Lebenserwartung von mehr als fünfzig Jahren kaum zu erreichen.

In-DeutschJjind Awar. dje Srilglingssterb-lichkeit höher als in anderen europäischen Staaten, und sie war in Süddeutschland höher als im Norden. Nicht einmal die Pockenschutzimpfung - die erste massenwirksame Vorbeugungsmaßnahme, die während des neunzehnten Jahrhunderts in vielen Ländern des Deutschen Bundes eingeführt wurde - vermochte dies zu ändern. Die meisten Säuglinge starben an Darminfektionen, weil sie nicht gestillt wurden. Statt der Muttermilch erhielten sie mit verseuchtem Wasser verdünnte Kuhmilch. Bei unehelich geborenen Kindern war die Sterblichkeit deutlich höher.

Zwischen Säuglingssterblichkeit und Bildung besteht ein enger Zusammenhang. In der Zeit von 1877/79 bis 1912/13 fiel die Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich in den Familien von Beamten und Angestellten um mehr als 50 Prozent, beim Gesinde und in den Familien ungelernter Arbeiter aber nur um 24 beziehungsweise 16 Prozent. In den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zählte das Deutsche Reich knapp zwei Millionen Geburten im Jahr, und noch immer starb eines von sechs Neugeborenen im ersten Lebensjahr. Aber von 1880 an nahm die allgemeine Sterblichkeit ab und gleichzeitig ging auch der Anteil der verstorbenen Kleinkinder an der Gesamtmortalität zurück.

Zwischen der Reichsgründung und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sank die rohe Sterblichkeitsziffer (crude death rate) vor allem in den Großstädten. Eine bessere Hygiene hat am meisten dazu beigetragen. An erster Stelle sind die kommunale Versorgung mit sauberem Trinkwasser und die Beseitigung der Auswurfstoffe durch die Kanalisation zu nennen. Diese Installationen waren die größten öffentlichen Gesundheitsprojekte, die je verwirklicht wurden. Sie hoben die Lebenserwartung spürbar an.

Im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts begannen in den Industrieländern die Realeinkommen - und der Lebensstandard - zu steigen. Das hieß: weniger Arbeitsstunden pro Jahr, also mehr freie Zeit zur Erholung, bessere Ernährung, mehr und hygienisch einwandfreie Milch, geräumigere Wohnungen. Vor 1880 schuftete ein deutscher Industriearbeiter etwa 3200 Stunden im Jahr, mehr' als doppelt so viel wie heute. Um 1900 verbrachte ein Mensch in Deutschland noch immer em Drittel seines Lebens am Arbeitsplatz; achtzig Jahre später war dieser Anteil auf ein Achtel oder etwas weniger gesunken. Die mittlere Lebenserwartung stieg; im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts lag sie für Männer bei 44,8 und für Frauen bei 48,3 Jahren.

In der Vergangenheit waren die Todesursachen einförmiger als heute. In Deutschland starben noch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts Jahr für Jahr mehr als 100 000 Menschen an Tuberkulose. Doch dann begann ein neues Stadium der „demographischen Transition". Herz-und Kreislauferkrankungen und Krebs wurden die häufigsten Todesursachen bei Menschen mittleren Alters. Bis 1939 hatten die Tuberkulose, die Bronchitis und andere Erkrankungen der Atmungsorgane beirKindern ihre tödliche Kraft verloren. Das ist vor allem dem medizinischen Fortschritt zu verdanken.

Die ersten Nobelpreise für Medizin an Deutsche - an Emil von Behring (1901), Robert Koch (1905) und Paul Ehrlich (1908) - wurden für Erkenntnisse vergeben, die eine bessere Bekämpfung von Infektionskrankheiten ermöglicht hatten. Diese von belebten Erregern verursachten Krankheiten rissen im achtzehnten und noch im neunzehnten Jahrhundert in der Regel weit mehr als ein Drittel der Erwachsenen ins Grab. Zählt man die vielen Kleinkinder hinzu, die an Infektionen im Magen-Darm-Trakt starben, also gleichfalls an den Auswirkungen von Mikroorganismen, so wird wohl in den meisten Jahren sogar mehr als die Hälfte aller Todesfälle Krankheitskeimen zuzuschreiben sein.

Die Verbesserung der Wasserversorgung und die Kanalisation waren die wirksamsten Mittel gegen im Trinkwasser übertragene Erreger. Mit der Einführung der Kanalisation ging die Sterblichkeit aufgrund von Cholera oder Typhus schlagartig zurück. In vielen Fällen wurde eine Infektionskrankheit schon erfolgreich bekämpft, noch bevor ihr Erreger entdeckt war, weil es genügte, den Mechanismus der Übertragung zu durchschauen, um die Übertragung zu verhindern.

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden neue wissenschaftliche Forschungszweige, die Immunologie und die Serologie. Diese junge Wissenschaften erkannten bald, dass pathogene Mikroorganismen Krankheiten verursachen, dass aber der Körper sich gegen diese Eindringlinge mit Hilfe seines Immunsystems zu wehren vermag: Der Körper der Wirbeltiere setzt sich gegen die Krankheitserreger zur Wehr, indem er spezifische Antikörper produziert. Diese lassen sich in der Regel im Blutserum eines befallenen Tieres nachweisen. Das Immunsystem reagiert zielgerichtet auf den jeweiligen Eindringling. Dazu produziert es besondere Eiweiße, die den Eindringling bekämpfen, die Antikörper. Die Serologie identifizierte diese Antikörper. Somit eröffneten sich vollkommen neue vorbeugende und therapeutische Möglichkeiten durch Impfungen.

Heute denkt man bei den Erfolgen gegen Infekte und Infektionskrankheiten gern an die Antibiotika. Aber sie halfen meist nur einzelnen erkrankten Personen. Wichtiger waren in der Vergangenheit vorbeugende Mittel wie die Bekämpfung der Schmutzes, die Verbesserung des Trinkwassers und die Förderung der Immunität durch Impfung. Dennoch sollten das Penicillin, das die Heilkunst des zwanzigsten Jahrhunderts revolutionierte, und die neuen Antibiotika nicht geringgeschätzt werden.

Dank der erfolgreichen Bekämpfung der Infektionskrankheiten und einer Reihe sozialhygienischer Maßnahmen stieg die Lebenserwartung in den Industrieländern zwar an, aber am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren die Menschen noch immer relativ jung, wenn sie ins Grab sanken. Das Alter von achtzig Jahren erreichten nur wenige. Im Jahr 1913 waren gerade einmal 14,2 Prozent der auf den Nürnberger Friedhöfen bestatteten Personen siebzig Jahre oder älter (1867 waren es nicht einmal zehn Prozent). Heute macht diese Personengruppe in Nürnberg mehr als siebzig Prozent aus. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erfuhr der Anstieg der Lebenserwartung noch einmal einen gewaltigen Schub —. und trieb damit die Alterung der Gesellschaft voran. 1936 lebten im Deutschen Reich vier Hundertjährige, inzwischen sind es an die 15 000.

Schweden und Japan haben die Sterblichkeit im Laufe des zwanzigsten Jahrhundert besonders erfolgreich, zurückgedrängt. In beiden Ländern wird heute eine weit höhere Lebenserwartung erreicht, als man es aufgrund ihres Bruttosozialprodukts erwarten würde. Das Königreich Schweden übertraf erst kurz vor 1900 die wirtschaftliche Leistung Spaniens und Italiens, aber die Sterblichkeit war dort schon lange viel niedriger als in diesen beiden Ländern. Bis 1978 konnte es weltweit die höchste Lebenserwartung vorweisen, dann wurde es von Japan überholt. Japan gibt nur 6,5 Prozent seines Bruttosozialprodukts für Medizin aus, hat aber mit mehr als achtzig Jahren für beide Geschlechter zusammen die höchste Lebenserwartung.

Zwischen der Lebenserwartung und dem Wohlstand einer Nation besteht eine positive Korrelation, aber sie ist nicht gleich hundert. Die Vereinigten Staaten von Amerika geben etwa 13 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die medizinische Versorgung aus; sie können aber keine überragend hohe Lebenserwartung vorweisen, was sich vor allem durch die sozialen Unterschiede erklären lässt. Schwarze, die in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im New Yorker Stadtteil Hartem lebten, hatten eine geringere Aussicht, 65 Jahre alt zu werden als Männer in Bangladesch. In einigen weniger hoch entwickelten Ländern wie Zypern oder Griechenland ist die Lebenserwartung seit 1990 höher als in den Vereinigten Staaten. Und in einigen Drittweltländern wie Jamaika und Belize ist sie mit etwa 75 Jahren fast so hoch wie dort, obwohl das Bruttosozialprodukt pro Kopf in den Vereinigten Staaten zehnmal höher liegt.

In reichen Länder ist es leichter, alt zu werden, denn sie ermöglichen den Bürgern in der Regel eine gesunde Lebensweise, eine bessere Ernährung und eine effektive Gesundheitsvorsorge. Die Menschen müssen weniger lange und weniger hart arbeiten, sie haben sauberes Wasser, bessere Bildungschancen und vieles mehr. Wenn aber weniger reiche Länder ihre Aufmerksamkeit besonders darauf richten, das Leben ihrer Bürger zu verlängern, steigt auch dort die Lebenserwartung.

Eine besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Bildung von Frauen. Sri Lanka, zum Beispiel, konnte in den neunziger Jahren eine viel höhere Lebenserwartung vorweisen als Saudi-Arabien: In Sri Lanka belief sich das Bruttosozialprodukt pro Kopf auf 320 Dollar, die Säuglingssterblichkeit lag bei 31 Promille und die Lebenserwartung bei 69 Jahren. In Saudi-Arabien hingegen gab es trotz eines Pro-Kopf-Einkommens von 16 000 Dollar eine Säuglingssterblichkeit von 108 Promille und eine Lebenserwartung von 56 Jahren.

Auch einigen afrikanischen Staaten gelangen nach der Entkolonisierung große Fortschritte. In Nigeria stieg die Lebenserwartung von 36 (1963) auf 50 (1980=) Jahre an, dann setzte ein Stillstand ein. Die Säuglingssterblichkeit ist in der Dritten Welt noch heute ein Problem. Die Aussicht, dass eine Mutter in Nigeria ohne jede Schulbildung ein Kind verliert, ist zweieinhalbmal so groß wie bei einer Mutter, die eine Schule besucht hat. Die Schulbildung der Mutter ist für das Kind wichtiger als die des Vaters. In weiten Teilen Afrikas nahm in den letzten Jahrzehnten die Bildung rasch zu. Die Weltbank schätzt, dass die „Literacy rate" auf dem Kontinent im Durchschnitt von 16 Prozent (i960) auf 34 (1980) stieg, wobei einige Länder weitaus bessere Ergebnisse erzielten.

In Indien stieg die Lese- und Schreibfähigkeit von fünf Prozent im Jahr 1900 auf siebzehn Prozent 1948. In Kerala, einer der ärmeren Staaten Indiens, waren 1991 schon 94 Prozent der Männer und 87 Prozent der Frauen lese- und schreibkundig, während in ganz Indien durchschnittlich nur 64 und 39 Prozent diese Fähigkeiten erlangt hatten. In Kerala sind mehr Frauen berufstätig als anderswo in Indien; sie heiraten später und betreiben früher Familienplanung. Ein weiteres Schuljahr für die Mutter senkt die Säuglingssterblichkeit um weitere sieben bis neun Prozent.

Der zivilisatorische Fortschritt während des neunzehnten Jahrhunderts in Europa und in einigen anderen Teilen der Welt hat den Anstieg der mittleren Lebenserwartung begünstigt. Bis zur Jahrhundertmitte kam ein höherer Lebensstandard vor allem der Ernährung und einer Verbesserung der Wohnverhältnisse und der Kleidung zugute. Dann begannen sanitäre Reformen die mittlere Lebenserwartung anzuheben, und nach 1900 halfen das Wirtschaftswachstum, das öffentliche Gesundheitswesen und die Erfolge der Biomedizin, das Leben zu verlängern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten vor allem jene Teile der Welt, die an den Segnungen der modernen Zivilisation am wenigsten teilgehabt hatten, Gewinn aus diesen Veränderungen ziehen. Bis zum Ende des, letzten Jahrrmnjjerts ,stieg_die mittlere Lebenserwartung weltweit von 46,5 auf 65,4 Jahre an. In Asien nahm sie in diesem Zeitraum sogar um fünfundzwanzig Jahre zu (von 41,3 auf 66,3), in Afrika immerhin um knapp vierzehn (von 37,8 auf 51,4 Jahre). In Europa hingegen, wo die Menschen schon länger von den Fortschritten der Zivilisation und der Heilkunst profitiert hatten, wuchs die Lebenserwartung nur noch um gut sieben Jahre (von 66,2 auf 73,3). Für die vier Dezennien bis 2050 sagen Pemo-graphieexperten - für beide Geschlechter zusammen - weltweit eine weitere Zunahme der Lebenserwartung auf 76,3 Jahre voraus. In Asien soll sie auf durchschnittlich 77,2 und in Afrika auf 70,4 Jahre steigen - und in Europa um weitere sieben Jahre auf 80,3 Jahre.

Die mittlere Lebenserwartung wächst, die Weltbevölkerung altert und nimmt gleichzeitig zu. Um 1800 mächten die mehr als 65 Jahre alten Menschen, die das Erwerbsleben schon hinter sich hatten, in den meisten Bevölkerungen weniger als fünf Prozent aus. Zweihundert Jahre später sind es etwa fünfzehn Prozent, und in Deutschland noch viel mehr. In Deutschland hat sich die Lebenserwartung seit 1880 verdoppelt. Heute liegt der mediane Altersdurchschnitt bei 41 Jahren, das heißt, die Hälfte aller Deutschen ist jünger, die andere älter. Vor dem Ersten Weltkrieg lag dieser Wert bei 25 Jahren. Und der Anteil der Deutschen, die sechzig Jahre oder älter sind, soll bis 2040 von derzeit fünfundzwanzig auf fünfunddreißig Prozent steigen. Das ist für jeden Einzelnen ein Gewinn, hat aber erhebliche wirtschaftliche und soziale Folgen, zumal die deutsche Bevölkerung insgesamt schrumpft, so dass der Anteil der Älteren weiter steigt.

Vor hundert und mehr Jahren geschah es in Deutschland sehr häufig, dass eine Mutter bei ihrem Tod ein paar unversorgte, unmündige Kinder zurückließ. Heute erleben die meisten deutschen Mütter ihre Enkelkinder noch im Erwachsenenalter. Im Jahr 1950 waren die Sechzigjährigen in Deutschland eine Minderheit (14,6 Prozent), in zwanzig Jahren werden sie niemals ein Drittel der Bevölkerung (34,4 Prozent) stellen. Der Anteil der Senioren und der Hochbetagten nimmt rasch zu. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Menschen im Ruhestand ernähren.

Für die meisten von uns hat sich durch die Veränderungen in den letzten hundert Jahren die Spanne des Lebens deutlich verlängert. Und da der erste Lebensabschnitt, die Ausbildung, länger geworden ist, muss auch die zweite Phase, die Berufstätigkeit, länger andauern, damit die dritten Phase, der Ruhestand, finanziert werden kann. Angesichts einer rasch alternden und schrumpfenden Bevölkerung ist das eine unausweichliche Einsicht.

Der Verfasser ist Historiker und lebt als freier Autor in Rohrdorf bei Rosenheim.

Aus: FAZ, Montag, 26. Juli 2010 - Nr. 170 - Seite 7

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Margarete Mitscherlich 93 Jahre alt


Margarete Mitscherlich-Nielsens neues Buch
Margarete Mitscherlich-Nielsen wurde dieser Tage nicht nur 93 Jahre alt. Sie hat auch ein neues Buch geschrieben, das im S. Fischer Verlag erscheinen wird. Es heißt: "Die Radikalität des Alters. Einsichten einer Psychoanalytikerin", ist gebunden und kostet 18,95 Euro. ISBN: 978-3-10-049116-9. Das Buch ist voraussichtlich ab 8. September 2010 im Buchhandel.

Margarete Mitscherlich-Nielsen wurde am 17. Juli 1917 in Gravenstein (Nordschleswig/Dänemark) als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin geboren. Sie studierte nach dem Abitur (in Flensburg) Medizin und Literatur in München und Heidelberg und promovierte 1950 in Tübingen zum Dr. med. 1947 traf sie in der Schweiz den Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908?1982), den sie 1955 heiratete. Gemeinsam mit ihrem Mann versuchten sie nach dem Krieg um die Psychoanalyse in Deutschland wiederbezuleben. 1960 war sie Mitbegründerin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt und fungierte viele Jahre als Herausgeberin der Zeitschrift Psyche. Gemeinsam mit ihrem Mann veröffentlichte Margarete Mitscherlich 1967 das bahnbrechende Buch "Die Unfähigkeit zu trauern". Es folgten unter anderem die Bücher "Die friedfertige Frau" (1985), "Die Zukunft ist weiblich" (1987) und "Die Mühsal der Emanzipation" (1990). Margarete Mitscherlich lebt heute in Frankfurt am Main.
Zum Interview mit Margarete Mitscherlich in der
Süddeutschen Zeitung
und ein
Video-Interview mit Margarete Mitscherlich auf 3Sat