Wann und wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
Als ich in den Achtzigerjahren fünf bis sechs Psychoanalysen mit über 50jährigen parallel durchführte, fing es an, mir schlecht zu gehen: Bei bestimmten Erzählungen fing ich an, traurig zu werden, zu weinen; ich träumte wieder Träume meiner Kindheit: einsame Wanderungen auf endlosen Schotterstraßen. Und dann habe ich verstanden, daß es um die Kriegskindheiten dieser Patienten ging und um meine zwar intellektuell gewußte, aber gefühlsmäßig abgespaltene Biographie. Das heißt, das "Kriegskind hinter der Couch" begriff, daß es lauter "Kriegskinder auf der Couch" behandelte.
Alle diese Patienten maßen ihrer Kriegskindheit für ihre jetzigen Symptome zu Anfang keine Bedeutung bei.
Ich habe insgesamt 19 Patienten zwischen 50 und 70 Jahren behandelt und festgestellt, daß alle einen abwesenden Vater hatten - langfristig oder nach dem Krieg zurückgekehrt und seelisch nicht erreichbar oder deutlich verändert - und fast alle hatten eine durch den Krieg beschädigte weitere Kindheit: Flucht, Vertreibung, Ausbombung.
Welche Beschwerden und Symptome treten heute bei diesen ehemaligen Kriegskindern auf?
Zunächst partielle oder vollständige posttraumatische Belastungsstörungen, die bei manchen chronifiziert sind und sich bei aktuellen Kriegsausbrüchen wieder intensivieren: Schreckhaftigkeit und Vermeidungsverhalten, Schlafstörungen mit Albträumen, verfolgende innere Bilder von dem erlittenen Trauma, innere Unruhe und Übererregtheit, häufig verbunden mit dem Gefühl der gleichzeitigen inneren Betäubung.
Daneben gibt es Bindungs- und Beziehungsstörungen sowie eine verunsicherte Identität als Mann oder Frau. Bei den vaterlos aufgewachsenen Jungen fehlte das "Modell Mann" - das muß nicht immer brauchbar gewesen sein, auch damals gab es schreckliche Väter. Oder die Väter waren traumatisiert, brutalisiert durch den Krieg. Auch den Mädchen fehlte ein "Modell Mann": für damals, für eine Partnerschaft, für ihr Alter und erst recht für eine Partnerschaft im Alter.
Dann findet man leichte bis mittelschwere depressive Symptome; außerdem immer wieder auftretende Angst- und Panikattacken, die man nicht immer nur als Symptom einer posttraumatischen Belastungsstörung verstehen darf. Im Alter fehlt die identitätsstiftende Berufstätigkeit, und manche haben das Gefühl: "Da ist noch was, was in Ordnung zu bringen ist." Und schließlich entfallen die familiären Aufträge, so genannte "Delegationen", weil die Mütter jetzt sterben. Wir erleben immer wieder, daß ein bis zwei Jahre nach deren Tod erstmals Symptome aufbrechen.
Möglicherweise werden koronare Herzerkrankungen auch durch den dauerhaften pathologischen Streß einer Kriegskindheit verstärkt oder angestoßen; es gibt eine Untersuchung, die darauf hindeutet. Das Problem der meisten Untersuchungen ist, daß nie danach gefragt wird, ob ursächlich derartige zeitgeschichtliche Erfahrungen infrage kommen.
Schließlich gibt es noch diese bekannten Verhaltensweisen der Kriegskinder: Ordnung, Sparsamkeit, mangelnde Rücksicht auf sich selbst, Vorausplanen, Organisieren, Kampf um Unabhängigkeit, nichts für den eigenen Körper tun: also keine Vorsorgeuntersuchungen, keine korrekte Behandlung, keine Rehabilitation, keine Fürsorge für den Körper.
Das sind Eigenschaften, die damals erworben wurden und nationalsozialistisch anerzogen sind und - ganz wichtig - die damals geholfen haben zu überleben!
Das sind ungünstige Voraussetzungen, um das Älterwerden zu bewältigen.
Etwa ab 1949/50 zeigten die Kinder und Jugendlichen, die vorher massivste Störungen hatten, wieder eine normale Entwicklung - Körperwachstum, Längenwachstum, schulische Leistungen -und fielen nicht mehr auf, das heißt sie "funktionierten" wieder. Sie berichteten zwar noch von belastenden bis traumatisierenden Erfahrungen, aber so, als ob das eine "Sache" wäre: ganz sachlich, ohne Affekte. Das, was unter dieser "Pseudo-Normalität" verborgen geblieben ist - beschädigende bis traumatisierende Erfahrungen - das holt die heute älteren Menschen ein.
Diese "Kinder" kämpfen unbewußt darum, daß ihre Autonomie, die sie mühsam erworben haben, nicht wieder bedroht wird, das heißt, daß sie nie wieder eine Situation der völligen Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins erleben wie damals. Dann kann man sich vielleicht vorstellen, was sich bei Pflege- und Hilfsbedürftigkeit abspielt.
Was kann eventuelle Traumata reaktivieren?
Altern kann zu einer Abschwächung der Abwehrstruktur führen. Wenn dann äußere Einflüsse dazukommen, wie Kriegsberichte in den Massenmedien, Sirenen-Geräusche, unerwartete Feuerwerkskörper, dann brechen plötzlich alte Erinnerungen wieder auf und überschwemmen die Leute - das wären also die Trauma-Reaktivierungen.
Dazu beobachten meine Kolleginnen in zunehmendem Maße auch Re-Traumatisierungen anhand von Autounfällen, leichteren Überfällen, Operationen und anderen Gewalterfahrungen, die wiederum frühere Traumatisierungen mobilisieren - die dann auftretenden Angstzustände versteht dann natürlich keiner.
Wie erscheint dieses Problem in der Allgemeinmedizinischen Praxis?
Diese Jahrgänge fallen durch die oben geschilderten Verhaltensweisen auf, die eine Behandlung erschweren: Wenn jemand keine Rücksicht auf seinen Körper nimmt, keine Vorsorgeuntersuchung macht, sich nicht richtig behandeln läßt und keine Hilfe annehmen kann, ist er ein "schwieriger" Patient.
Wie reagieren die Ärzte darauf?
Wenn statt der Frage "Wie alt sind Sie?" die Frage "Zu welchem Jahrgang gehören Sie?" gestellt wird, können Sie viele schreckliche Geschichten erfahren. Wenn Ihnen jemand gegenüber sitzt, der sagt "Ich bin 75", dann assoziieren Sie sofort: "Was kann ein 75-jähriger Mann noch?" Wenn Sie aber hören, "Ich bin 1929 geboren", dann können Sie schnell überlegen, der war bei Kriegsende soundso alt, wo kommt er her, wo ist er aufgewachsen, was hat er möglicherweise erlebt - oder auch getan? Die anschließende Feststellung "Ihr Jahrgang hat bekanntlich viel erlebt" öffnet oft Schleusen.
Wie begegnen die Psych-Fächer dem Problem?
Psychiatrie, Alterspsychiatrie, Psychotherapie, Psychoanalyse, Psychosomatik und Psychogerontologie - für alle gilt, daß sie "ahistorisch" geworden sind. Das heißt, zeitgeschichtlichen Erfahrungen wird keine Bedeutung zugemessen. Das hat damit zu tun, daß die frühe Kindheit eine größere Rolle spielt und die heutige Psychiatrie weitgehend symptombezogen ist, es also kaum noch Ursachen "gibt". Es wird nicht danach gefragt und deswegen weiß man auch nichts darüber.
Es ist also auch schon ein Problem in der Aus- und Weiterbildung?
Richtig. Sie finden in den Lehrbüchern keine Hinweise auf Zweiten Weltkrieg, Traumatisierungen, Flucht, Ausbombung, Gewalterfahrung, Vaterlosigkeit - diese Stichworte gibt es nicht.
Im Frühjahr 2004 ist die erste Untersuchung erschienen, in der Depressions-Häufigkeiten in Europa bei über 60jährigen zusammengefaßt sind. Es fällt auf, daß es Städte gibt, wie in Island oder Irland, mit einer relativ geringen Rate von Depressionen, etwa 9 bis 12 Prozent, und Städte, in denen es zwischen 18 und 20 Prozent sind. Letztere sind Berlin, München, London und Verona, bombardiert und umkämpft. Zum ersten Mal taucht in einem Halbsatz die Frage auf: "Könnte es sein, daß das Folgen des Zweiten Weltkriegs sind?" Wohlgemerkt: ein Halbsatz, als Frage, im Jahre 2004!
Das ist besonders eindrücklich, wenn man bedenkt, daß das Fächer sind, die sich rühmen, die Biographie des Menschen zu betrachten.
Ja, aber das ist verschwunden! Außerdem hat man sich auch viele Jahre nicht mit dem Thema Traumatisierungen und ihren Folgen auseinandergesetzt.
Andererseits gibt es doch so etwas wie einen Boom des Begriffes "Trauma".
Ja, aber das gilt für die aktuellen Traumatisierungen bei Unfällen, Katastrophen, sexuellen Übergriffen. Aber es gilt nicht für lang zurückliegende Ereignisse.
Auch in der Psychiatrie müßte also gefragt werden. In das Krankenblatt gehört eine Reihe von Fragen, die schnell klar machen: Was könnte gewesen sein, in welcher Form und in welcher Entwicklungsphase?
Welches Problem besteht für die Pflege?
Für die Pflegebedürftigen der Elterngeneration hat es weit reichende Konsequenzen, vor allem in Institutionen: zum Beispiel wenn Frauen sexuelle Gewalt erlebten. Auf einer Frauen-Station eines Pflegeheimes fiel auf, daß, wenn Männer den alten Frauen die Windeln wechselten, Intimpflege machten, die teilweise verwirrten Frauen sich dann immer wieder wehrten, schrien und bissen. Im Wissen um eine derartige Vorgeschichte wurde beschlossen, bei den Frauen nur noch weibliche Pflegekräfte einzusetzen, und seitdem hat es sich deutlich gebessert.
Gerade wenn jemand bei beginnenden hirnorganischen Veränderungen die Umwelt verkennt und in der Nacht irgendwelche Stimmen draußen hört, feste Schritte, die mit Soldatenstiefeln gleichgesetzt werden - dann ist die schreckliche Erfahrung wieder da.
Was können die Gesundheitsberufe tun, was müßte besser werden?
Es ist vor allem Nichtwissen: Im Schulunterricht wird über sehr viele Aspekte des Nationalsozialismus gesprochen, aber nicht über Leid und traumatisierende Erfahrungen der Deutschen. Das ist ein bisher wenig bekannter Bereich, auch wenn er jetzt durch die Massenmedien im letzten Jahr intensiv vermittelt wird.
Deswegen brauchen alle Berufe einen Kurs "Zeitgeschichtliche Ereignisse und ihre Folgen", mit der Frage: Was für Symptome und Schwierigkeiten könnten das heute sein?
Natürlich sind nicht alle, die heute über 60 sind, traumatisiert; aber wenn es etwas gibt, muß es berücksichtigt werden, dann kann einzeln oder in der Institution adäquat reagiert werden. Das Curriculum müßte also ergänzt werden.
Welche Behandlungs- oder Hilfemöglichkeiten gibt es?
Sehr oft wird gar nichts getan, weil dieser Bereich gar nicht berücksichtigt wird. Es ist leichter, aufbrechende Symptome psychopharmakologisch zu bekämpfen, anstatt nach anderen parallelen Hilfsmöglichkeiten zu sehen - wobei ich ehrlicherweise sagen muß, daß es davon leider nicht so viele gibt. Das heißt, selbst wenn jemand kommt und über diesen Teil seiner Biographie sprechen möchte um zu versuchen, sie in ihren Folgen ein bißchen zu verstehen, vielleicht auch wenigstens jetzt zu trauern, dann ziehen sich viele Psychotherapeuten - insbesondere die jüngeren - zurück und wollen damit nichts zu tun haben.
Die heute im Gesundheitswesen Arbeitenden sind die Kinder bis fast schon die Enkel der Kriegskinder-Generation. Welche Rolle könnte das spielen?
Die Kinder dieser Jahrgänge wissen um bestimmte Schwierigkeiten und wissen auch, daß darüber wenig geredet worden ist. Und wenn, sind eher die abenteuerlichen Seiten erzählt worden und nicht die schrecklichen. Sie haben gelernt: Wenn man fragt, bekommt man keine Antworten.
Man müßte also zusätzlich im Curriculum die eigene diesbezügliche Familiengeschichte kennen lernen und reflektieren, um zu wissen, was für Erfahrungen - vielleicht auch beunruhigende - man selbst mitbringt.
Für die Enkelkinder ist es ein Ereignis des vorigen Jahrhunderts, das scheinbar keine Rolle mehr spielt.
Beide Gruppen müssen gezielt fragen, müssen interessiert sein zuzuhören und müssen auch wissen, wonach sie fragen müssen, um überhaupt einen Zugang zu finden; erst dann kann man gemeinsam überlegen, was man tun kann.
Nicht jeder Mensch zwischen 60 und 80 wird von belastenden Erinnerungen gequält.
Wir schätzen, daß 40 Prozent dieser Jahrgänge so Schlimmes nicht erlebt haben, das Kriegsende bedeutet für sie überfliegende Flugzeuge und Kaugummi verteilende Soldaten. Ungefähr 30 Prozent haben vorübergehende belastende bis beschädigende Erfahrungen gemacht - also: Der Vater war eine gewisse Zeit weg, sie wurden ausgebombt. Etwa weitere 30 Prozent haben massive bis traumatisierende mehrfache und langfristige Erfahrungen gemacht.
Ob das heute eine starke Belastung bedingt, hängt aber davon ab, ob es beschützende Faktoren gab - zum Beispiel eine stabile, sichere Mutter-Kind-Beziehung, eine heile Großfamiliensituation, andere "brauchbare" Männer: ältere Brüder, neue Partner der Mutter, Großväter, Erzieher. Ebenso helfen aktive Bewältigungsmechanismen, daß man also gelernt hat, aktiv auf eine Sache zuzugehen.
Weiterhin ist die Frage wichtig, wie neurotisch die Familienstruktur vorher und während dieser Ereignisse war, wie viele symbiotische und damit problematische Beziehungen es bei den Halbwaisen zu ihren Müttern gab. Das half zunächst und zeichnete diese Kinder aus, aber sie wurden damit auch schnell zu Erwachsenen gemacht und mit vielen familiären Aufträgen überschüttet und überfordert. "Du bist jetzt der Große in der Familie, ich bespreche alles mit dir."
Welche Rolle spielte denn die damalige Erziehung, nicht zuletzt die nationalsozialistischen Vorstellungen?
Seit der Jahrhundertwende gab es bestimmte Vorstellungen über Erziehung und über Rollen von Jungen und Mädchen. Die nationalsozialistische Erziehung wirkte dann zunehmend in die Familien hinein. Bekannt ist der Ausspruch von Hitler: "Deutsche Jungen sind zäh wie Leder, flink wie Windhunde und hart wie Kruppstahl."
Es gab Familien, in denen sehr nationalsozialistisch erzogen wurde, bis hin zu Jungen, die auf einer Napola waren, also auf einer nationalsozialistischen Erziehungsinstitution. Es ist immer eine Mischung aus familiären Idealen, nationalsozialistischer Erziehung, zeitgeschichtlichen Erfahrungen und Überlebensstrategien!
Wie sind bislang die Reaktionen auf Ihre Forschung und Ihre Bücher?
In der Regel erlebe ich großes Interesse und tiefe Betroffenheit bei meinen Vorträgen: Dort sitzen die Betroffenen oder deren Kinder. Ich erlebe großes Interesse an möglichen Behandlungen und Hilfestellungen - ein großes Interesse an der eigenen Familiengeschichte. Ich bekomme die schrecklichsten Geschichten der Betroffenengeneration erzählt, teilweise schreiben mir die Leute auch. Es ist jedes Mal erschreckend, welche Möglichkeiten von Beschädigungen und Traumatisierung es gibt!
Haben Sie eine Idee, warum das jetzt verstärkt Thema wird, auch in den Massenmedien?
Die damaligen Erwachsenen leben zu einem großen Teil nicht mehr; es geht jetzt um die, die damals Kinder und Jugendliche waren. Durch die Aufbereitung in den Massenmedien wird es nun auch erlaubter, darüber zu sprechen.
In der Alternssituation wird der Leidensdruck größer, wir beobachten die erwähnten Trauma-Aktivierungen und Re-Traumatisierungen, und dadurch drängt auch dieses Thema mehr ins Bewußtsein und damit in die Öffentlichkeit.
Zur Darstellung in den Massenmedien muß man allerdings sagen: Überall treten gut frisierte und gut angezogene Zeitzeugen auf und berichten, wie es damals war. Aber sie werden nicht gefragt und erzählen auch nicht von selbst, wie es ihnen heute damit geht! Sehr selten berichten sie über die heute anhaltenden Folgen oder zeigen ihre Gefühle.
Das wird also von allen behandelt, als sei es lang vergangene Geschichte?
Ja, aber das stimmt eben so nicht, sie hat natürlich bis heute Auswirkungen.
Beispiel: Ein 63jähriger Mann las einen Artikel von mir und schreibt mir, er wisse nicht, was ihm passiert sei: Seitdem weine er nur noch, sei verzweifelt, fühle sich wie nach einer schweren Krankheit. Er frage sich, ob der Tod seiner Mutter vor einem Jahr vielleicht etwas damit zu tun haben könnte. Dieser bis dahin völlig symptomfrei lebende Manager merkt nun, daß er auferlegt bekam, der "Mann" in der Familie zu sein; der Vater kam 1948 völlig verändert aus dem Krieg zurück. Nun merkt der Manager, daß er lebenslang unter diesem immensen Druck gelebt hat. So langsam fängt er an, sich mit Verzweiflung seiner Überforderung bewußt zu werden.
Häufig brechen auch akute Angstzustände auf. Zuerst weiß man nicht, woher sie kommen, und plötzlich werden lang zurückliegende Schrecken bewußt; zum Beispiel: Eine ältere Frau mit einem ganz leichten Auffahrunfall leidet seitdem unter massivsten Angstzuständen. Ich frage nach dem Inhalt der Angstzustände: "Ich sitze im Zug, wir werden von englischen Tieffliegern beschossen, die Schüsse durchsieben den ganzen Zug, meine Mutter ist voller Panik, ich muß auf die kleine Schwester aufpassen, ich werfe mich auf den Fußboden und wir überleben." Wir haben darüber gesprochen, und offenbar reichte es hier aus, daß die Ängste allmählich wieder abgeklungen sind.
Können das Aufbrechen und das Betrauern solcher Erinnerungen schon hilfreich sein?
Ja, es ist wichtig, daß diese Geschichte Bedeutung haben darf. Daß jemand zum ersten Mal sagt: Euch ist etwas Schreckliches passiert. Und: Ihr seid nicht schuld - ich glaube, daß ist etwas sehr Wichtiges. Viele tragen das Gefühl mit sich, sie seien als damalige Kinder schuld an dem, was ihre Eltern gemacht haben. Viele müssen erstmals anfangen zu trauern über die Verluste von damals, über die Kindheit. Es wäre schon sehr viel, wenn darüber endlich geredet werden könnte.
Was hat das für Auswirkungen auf die nächste Generation?
Meine Kollegen haben jetzt die Kinder der Kriegskinder auf der Couch - daher stammen meine Kenntnisse. Die heute 35- bis 40jährigen beklagen, daß diese Eltern nicht erreichbar waren. Sie waren nicht interessiert an den "kleinen" psychologischen Entwicklungsschwierigkeiten, Schulproblemen, Ängsten. Diese Eltern haben wohl ihre eigenen Erfahrungen damit verglichen und dann unbewußt bis vorbewußt entschieden, das sei ja ganz wenig gemessen an dem, was sie selbst erlebt haben. Gleichzeitig haben sie ihren Kindern eine beschützte bis verwöhnende Familiensituation geboten - wenn die Familie heil blieb. Diese Kinder sollten nichts entbehren.

Ehemaliger Soldat mit seiner ebenfalls im Krieg verstümmelten Tochter, Bundesrepublik Deutschland 1951. Foto: SV-Bilderdienst, S. Hering
Aber es gab auch doppelte Botschaften: Da wird gesagt "Ich hab nichts erlebt", aber der, der da erzählt, wirkt traurig und bedrückt. Die Kriegskinder haben entweder weitgehend verdrängt oder sie haben aufgespaltet in Gefühl und Inhalt: Das heißt, es gibt die Sachberichte, aber die Affekte fehlen; sie haben verleugnet, bagatellisiert oder verkehren es in ihr Gegenteil - das sind die berühmten abenteuerlichen Geschichten: "Was haben wir da alles organisiert ..." und so weiter. Aber der Rest fehlt.
Die nächste Generation spürt sogar manchmal die auferlegte Verpflichtung: Da ist irgendwas, was man bewahren muß. So höre ich immer wieder, daß zum Beispiel Menschen, die lange nach dem Krieg geboren sind, mit zwölf Jahren die Bombenangriffe der Mutter und die Panzerangriffe des Vaters träumen.
Gibt es dazu schon Forschungen?
Es gibt leider dazu viel zu wenige Forschungen - in Deutschland und weltweit. Wir stoßen auch immer noch auf starke Vorbehalte; wir werden gefragt, warum wir darüber forschen, wir werden restaurativer Absichten verdächtigt. Das wollen wir natürlich nicht, wir wollen die Geschichtssicht über den Einfluß dieser zeitgeschichtlichen leidvollen Erfahrungen ergänzen.
Aus: Dr. med. Mabuse 155 • Mai/Juni 2005, S. 43-47
© 2003-2011 by Dr. Dietmar Höhne - Mail: info@aging-alive.de
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Hartmut Radebold geb. 1935, Psychoanalytiker und Psychiater. Er hatte an der Universität Kassel am Fachbereich Sozialwesen und im Aufbaustudiengang Soziale Gerontologie von 1976 bis 1997 einen Lehrstuhl für Klinische Psychologie inne.