Von Hanne Tügel
Graf Gottfried IV. von Arnsberg war anno 1368 das, was im Marketing-Jargon heute "Woopie" heißt - er gehörte zu den wohlhabenden "well-off older people". Bevor er etwa 70jährig kinderlos starb, vermachte er dem Städtchen Neheim 925 Morgen Wald, ein Geschenk, das noch immer rund 200.000 Euro jährlich in die Kassen bringt.
Vielleicht ist es der Geist jenes weitsichtigen Grafen, der seine Heimat bis heute beflügelt. Arnsberg im nordrhein-westfälischen Hochsauerlandkreis, samt Neheim und 14 anderen Stadtteilen eine 25 Kilometer lange 78.000-Einwohner-Agglomeration entlang der Ruhr, ist Vorzeigeregion für zukunftsweisende Seniorenpolitik. Hier mischen die Rentner mit in Seniorenbeiräten und ihrer eigenen Zeitung, in sieben Senioren-Computertreffs und einem Seniorenorchester, als "lebendige Geschichtsbücher" in der Schule, als Paten für Kinder mit Schwierigkeiten, als "Seniortrainer".
NOCH TUT SICH die Gesellschaft schwer mit einem Konzept für ihre "Woopies", "Golden Oldies" und "Kukidents"; für das "dritte" und "vierte" Alter, die Zeit, in der die Kinder erwachsen sind, die Erwerbsarbeit endet und der Körper zunehmend schwächelt. Ursula Staudinger, Leiterin des 2003 gegründeten "Jacobs Center for Lifelong Learning and Institutional Development" der Internationalen Universität in Bremen, beklagt, daß bisher Stereotypen das Bild vom Alter bestimmen. Einerseits sieht sie das Negativklischee vom Rentner als Kostenfaktor - pflegebedürftig, abhängig, an der Grenze zur Demenz; andererseits eine "bis zur Karikatur positive Überzeichnung" vom "Alter als große Freiheit am Ende des Lebens".
Die Forschung zeigt ein anderes, differenziertes Bild. Rentner sind in hohem Maß für die Gesellschaft aktiv - sie betreuen Enkel, pflegen Angehörige, üben Ehrenämter aus. Die Berliner Altersstudie von 1996 ergab, daß Befragte bis zum Alter von 79 Jahren anderen mehr Unterstützung geben, als sie selbst erhalten. Erst danach kippt das Verhältnis langsam. Ins öffentliche Bewusstsein dringen solche privaten "Sozialleistungen" nur selten. Und als organisierte politische Kraft spielen Senioren bisher kaum eine Rolle.
Anders in Arnsberg, von der Altersstruktur her im deutschen Mittelfeld. Schon 1995 setzte dort ein Mitarbeiter des Sozialamts eine fast subversive Idee durch: Alle 28000 Bewohner, die älter als 50 Jahre waren, erhielten einen Brief mit der Aufforderung zum Nachdenken: "Wie möchte ich leben, wenn ich älter bin?"
Nicht wenige empfanden das als Provokation. Aber die Frage hakte sich in den Köpfen fest. Und als dann Reimer Gronemeyer, Soziologie-Professor der Universität Gießen, zum Vortrag "Zukunftsangst Alter" ins Kulturzentrum geladen wurde, kamen Hunderte.
Die Vereine "Im Alter gemeinsam" und "Mit Freu(n)den ins Alter" wurden geboren. Ihre Utopie: Lebensabend in einem Wohnprojekt, das so viel Unabhängigkeit wie möglich und so viel Betreuung wie nötig bietet - konzipiert zusammen mit den künftigen Bewohnern. Statt Kaffeefahrten unternahmen Interessenten Busreisen zu Wohnprojekten in den Niederlanden und in Dänemark. Feilschten mit Planern um Bodenbeläge und Wände. Verschlissen Architekten. Wurden ungeduldig, als sich der Einzug hinauszögerte. "Alte Damen sind am Wochenende in Badelatschen am Gerüst in den zweiten Stock geklettert, um ihre Wohnung endlich zu besichtigen", erinnert sich ein Architekt.
AUS DEM RUHESTAND
IN DIE ZWEITKARRIERE:
ALS MARKETING-EXPERTE
ODER FOTO-MODELL
Inzwischen sind zwei Mietwohnanlagen mit 155 Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen plus Gemeinschaftshaus eingeweiht - zentral, aber ruhig, rollstuhlgerecht, barrierefrei, bei Bedarf mit Notruf und Pflege. Das "Service Haus Husten" hat die älteren Bewohner von im Durchschnitt knapp 80 Jahren und das regere Vereinsleben. Mit einer monatlichen "Betreuungspauschale" finanziert die Gemeinschaft Animation, von Morgengymnastik bis Gedächtnistraining. Die Bewohner im "Alten Wasserwerk Binnerfeld", im Schnitt zehn Jahre jünger, verzichten darauf. Extras hier sind Kiosk, Friseur, Gästezimmer und Kräutergarten. Lange Wartelisten gibt es bei beiden, soziale Ausgrenzung nirgends - die meisten Apartments sind öffentlich geförderte Sozialwohnungen. Daß Arnsberger Industrielle solche Groß-Immobilien finanzieren, paßt ins Bild der Mustergemeinde à la Graf Gottfried. Thomas Wrede, 48, sieht sein 8,7-Millionen-Euro-Investment nicht nur als "solide und wertbeständige Anlage im Portfolio", er unterstützt das Projekt "mit Herz und Seele". Sein Beispiel macht Schule. Investor für den nächsten Bau mit 30 Wohnungen ist ein anderer Arnsberger, Thomas Flötotto, Chef der Sauerländer Spanplatten GmbH.
DIE KUNST, eine Kommune altenfreundlich zu gestalten, gehört nicht zum Standardrepertoire eines Verwaltungsapparats. Hilfreich ist ein Bürgermeister wie Hans-Josef Vogel, 48, ein Zwei-Meter-Mann mit den Schultern eines Möbelpackers und den Qualitäten eines klugen Managers. Sein Credo: "Ich muß die Leute anständig behandeln, dann tun sie auch wieder mehr für ihre Stadt." Der Jurist und Verwaltungswissenschaftler richtete trotz Geldnot in Arnsberg die erste deutsche Kommunalverwaltung ein, die auch am Samstag im Dienst ist. Er protestierte gegen die Abschiebung der Amsberger Kosovo-Albaner, engagiert sich für Kunst und Kultur und garantiert, daß seine Verwaltung Bürgerbeschwerden binnen drei Tagen beantwortet. Im Gegenzug erschloß sich der Kommune jenes Potential, das der CDU-Mann Vogel den "zweiten Haushalt" nennt: "die Bürgerinnen und Bürger, das gesellschaftliche Engagement".
Daß sich durch solche Ansätze eine "Graue Revolution" anbahnen könnte, skizziert die "Deutsche Bank Research" in einer Demographiesrudie für die Zeit ab 2010. Mögliche Folge des dann offensichtlichen Rückgangs des Wirtschaftswachstums und des Konkurrenzdrucks auf dem Arbeitsmarkt: eine "Abkehr vom Leistungs- und Karrierebewußtsein" und die Suche nach "Erfüllung außerhalb der erwerbsorientierten Wirtschaft".
Passend dazu könnte "mit verlängertem Ruhestand das Streben nach neuen Aufgaben und damit auch nach sozialem Engagement zunehmen", verheißt die Studie, deren Herausgeber Stefan Schneider kein Sozialutopist, sondern Chefökonom der Deutschen Bank ist. Die "Neuen Alten" stehen somit als Idealbesetzung bereit, wenn der Staat sich zurückzieht - sie haben Zeit und suchen Sinn.
In Arnsberg landen sie irgendwann bei der Dienststelle "Wendepunkt". Dort residiert die Geheimwaffe für Seniorenarbeit, 49 Jahre alt, Sozialpädagogin. Das krause Funkenmariechen-Haar und der unschuldige Blick trügen: Marita Gerwin besitzt den strategischen Geist einer Generalin. Sie ködert Rentner in spe schon, wenn die noch mitten im Arbeitsleben stehen: "Wollen Sie später nur spazieren gehen?" Sie behält Vorruheständler im Auge, die sich ausgemustert fühlen. Sie horcht auf, wenn sie erfährt, daß jemand sich nach dem Tod des Ehepartners zu Hause vergräbt. "Da hilft es, daß Arnsberg aus vielen kleinen Ortsteilen besteht", sagt sie. "Hier bleibt wenig verborgen."
MARKTLÜCKE MIT
ZUKUNFT: DIE KUNST, SICH
IN NEUE - ALTE - KUNDEN
HINEINZUVERSETZEN
Gründe für das bürgerschaftliche Engagement sind schnell aufgezählt. "Weil es Spaß macht", sagen die Rekrutierten. Oder: "Damit das Motörchen weiterläuft." Oder: "Damit, wenn wir oben im Himmel ankommen, die Türen schon weit offen stehen." Und manche sagen gar nichts, weil sie Schräubchen zwischen den Lippen haben und sich ihr Motiv von selbst erschließt. Zu beobachten, mit welcher Passion betagte Arnsberger Computerbastler fast schrottreife Altgeräte reparieren und für Schulen hochrüsten, heißt zu ahnen, wie viel ungenutzte Ressourcen anderswo verloren gehen. 400 PCs haben sie schon als geheilt entlassen: der 72jährige Ex-Kfz-Schlosser, der 70jährige Kripo-Beamte a. D., der 69jährige ehemalige Betriebsleiter, der 69jährige pensionierte Maschinenbautechniker, der 62jährige frühere Management-Trainer und der 60jährige Junior, ein Elektrotechniker. Nachschub karrt die Runde selbst heran, zuletzt aus ausgemusterten Bundeswehrbeständen in Thüringen.
Offizielles Sprachrohr der Arnsberger Alten sind ein Seniorenbeirat und sechs dezentrale "kleine Räte". Als inoffizielles Zentralorgan füngiert die "Sicht", die Vierteljahreszeitung "von und für Senioren". Nach 19 Ausgaben hat sie 13 Mitstreiter und eine Auflage von 6200 Exemplaren. Anni Bauerdick-Lattrich, 78, und Anneliese Welling, 71, agieren als strenge Lektorinnen. Die Stadt übernimmt das Layout, finanziert den Druck. Und sponsert Seminare, bei denen der Arnsberger Redaktionsleiter der "Westfälischen Rundschau" den Hobbykollegen Biß antrainiert: "Ihr habt dritte Zähne. Nutzt sie doch!"
Marita Gerwins Vision ist ein "Senioren-Netzwerk, das sich weitgehend selbst organisiert". Die Kommune behält das große Ganze im Auge, kümmert sich um Koordination und Qualifizierung. Finanzhilfen spendieren unter anderem Bund und Land über das seit 2002 laufende Modellprojekt "Erfahrungswissen für Initiativen" (EFI): Nach einer gemeinsamen Fortbildung arbeiten EFI-Se-niortrainer als Mutmacher und Multiplikatoren. Ihr Einsatzgebiet wählen sie selbst.
15 Arnsberger haben das Programm absolviert. Als EFI-Trainerinnen klappern die Rentnerinnen Ingeborg Meier und Dorothee Richter nun Schulen ab, um Jugendliche zum freiwilligen sozialen Jahr zu animieren. Eduard Kuntz und Wolfgang Rochna, als Medien- und Marketing-Profis "keine alten Säcke, sondern alte Hasen", engagieren sich unter anderem bei der Dokumentation jenes "Graf-Gottfried-Spiels", mit dem Schüler aus Neheim fahr für Jahr an ihren großen Gönner und die Waldschenkung erinnern. Desiree und Eva aus Klasse 4 haben den bunten Umschlag mit Graf und Gräfin, Burg und Wald gestaltet. Die beiden Altsemester haben kalkuliert, mit Druckereien verhandelt, Sponsoren gefunden.
Auf generationenübergreifende Projekte setzen Altersforscher besondere Hoffnung - die Schützlinge müssen nicht unbedingt die eigenen Enkel sein. Fröbelschule, Arnsberg, Donnerstagnachmittag. "Herr Kramer, war ich heute gut?" Sipan, acht Jahre, drängelt sich mit seinem Rechenheft an den "Opa". "Darüber bewahre ich lieber Stillschweigen", antwortet Herbert Kramer mit dem Lausbubenlächeln eines 74jährigen. Der Mann mit dem weißen Mecki ist kein Woopie, kein Akademiker. Er hat vor der Rente in der Lampenindustrie gearbeitet. Seine eigene Schulkarriere war beendet, als er als Hitlerjunge Uniform und Sturmgewehr in die Hand gedrückt bekam. Auch im Ruhestand gab es dunkle Jahre, die eigene schwere Krankheit, den Tod seiner zweiten Frau, die er jahrelang gepflegt hatte.
Inzwischen ist der Mann, der "schon fast mit dem Leben abgeschlossen hatte", fünf Tage pro Woche auf Achse. In der "Sicht"-Redaktion, im Fahrgastbeirat, als PC-Dozent. Und zweimal wöchentlich hier in der Fröbelschule. Hörgerät, steifes Bein - na und? Zusammen mit Christa Hohmann, 63, hilft Kramer fünf ausgewählten Förderschülern beim Sprung auf die Regelschule. Die beiden Alten haben etwas zu bieten, das die Kinder bitter brauchen: Zuneigung, Verläßlichkeit, Geduld.
Man ißt gemeinsam Mittag, und dann, vor den Hausaufgaben, folgt das Schönste: die Spielzeit, in der Herbert Kramer Zauberkunststücke vorführt und Christa Hohmann altes Spielzeug aus ihrer Sammlung auspackt. Schüchterne Freundschaften bahnen sich an. Jan teilt mit Frau Hohmann seine Schokolade. Herr Krämer schenkt Sipan Zaubertrick-Utensilien, die er abends auf der Werkbank für ihn feilt.
Altersforscherin Ursula Staudinger hat Szenen wie diese im Sinn, wenn sie künftige Bildungsziele für "6 bis 75jährige" umreißt: "Offenheit für neue Erfahrungen", "lebenslange Entwicklung", "soziale Reife". Hilfreich sind Vorbilder - zum Beispiel das eines Grafen aus dem 14. Jahrhundert, der keine eigenen Kinder hatte und dennoch weit über seine Zeit hinausdachte.
Aus: GEO 5/2004, S. 116-122
© 2003-2011 by Dr. Dietmar Höhne - Mail: info@aging-alive.de
|