Sie sind jünger, als Sie denken!

Wir haben recht klare Vorstellungen davon, was es heißt, älter zu werden: Krankheiten drohen, die Kräfte lassen nach, die Attraktivität schwindet. Solch negative Stereotype über das Alter haben eine fatale Wirkung. Weil wir Einschränkungen erwarten, treten sie auch ein. Wären wir dagegen optimistischer dem Alter gegenüber eingestellt, könnten wir die biologische Uhr nicht nur aufhalten, sondern sogar zurückdrehen.


Von ANNETTE SCHÄFER

Ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Uhr 20 Jahre zurückdrehen. Es ist 1990. Die beiden deutschen Staaten vereinigen sich. Im Radio dudelt Matthias Reims "Verdammt, ich lieb dich". Der Siegeszug des Internets existiert bislang nur in der Fantasie einiger Technik-freaks. Vor allem aber: Sie selbst sind 20 Jahre jünger. Wie fühlen Sie sich? Wenn Sie so reagieren wie Teilnehmer in einem verblüffenden Experiment der Harvardprofessorin Ellen Langer, dann kommt es Ihnen vor, als wäre Ihre biologische Uhr tatsächlich um zwei Jahrzehnte zurückgestellt: Ihre körper-Jxhe Beweglichkeit und geistige Schärfe nimmt zu, die Sehkraft verbessert sich, Sie sehen jünger aus.

Allein durch die Überzeugung, dass man jung und leistungsfähig ist, lassen sich körperliche Gebrechen zähmen, kann der Alterungsprozess umgekehrt werden, behauptet Langer in ihrem aktuellen Buch Counterclockwise (Gegen den Uhrzeigersinn). Ihre Argumentation: Wir alle sind Opfer von Klischees über Alter und Krankheit. Ohne nachzudenken, akzeptieren wir verbreitete Vorstellungen über die Unvermeidlichkeit körperlichen Leidens und den Automatismus des Alterungsprozesses und erlauben, dass diese Vorstellungen unser Selbstbild und unser Verhalten formen. "Wenn es uns gelingt, diese negativen Stereotype abzuschütteln", so Langer, "können wir uns für die Möglichkeiten öffnen, die das Leben in jedem Alter bietet."

Langers Thesen sind keine esoterische Wohlfühlrhetorik; die Sozialpsychologin hat sie durch handfeste Studien untermauert. Seit drei Jahrzehnten untersucht sie, welch fundamentale Wirkung die innere Einstellung eines Menschen auf den Körper hat. Egal ob Sehkraft, Gedächtnis, Gewicht oder Depressionen, oft sind nur kleine Veränderungen in Einstellung und Wahrnehmung nötig, um deutliche körperliche Verbesserungen zu bewirken.

In Langers raffinierter Counterclock-wise-Studie von 1979 waren die körperlichen Verbesserungen mehr als deutlich. In einer aufwendigen Aktion rüsteten die Psychologin und ihre Mitarbeiter ein abgeschiedenes Kloster im US-Bundesstaat New Hampshire so um, dass man sich dort ins Jahr 1959 zurückversetzt fühlte. Aus dem Radio ertönte Musik von Nat King Cole und Johnnie Ray; im Fernsehen liefen die Serien und Filme der späten Fünfziger, und in der Bibliothek standen "aktuelle Neuerscheinungen" wie Philip Roths Good-bye Columbus. Moderne Annehmlichkeiten wie Mikrowelle und Whirlpool, die 1959 noch nicht existierten, hatte das alte Gebäude ohnehin nicht zu bieten. Dann luden die Wissenschaftler 16 betagte Männer im Alter zwischen Ende 70 und Anfang 80 ein, eine Woche in der auf Vergangenheit getrimmten Umgebung zu verbringen.

Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe, die Experi-mentalgruppe, sollte sich vorstellen, dass es tatsächlich 1959 sei. Die Teilnehmer sollten sich so verhalten, wie sie es 20 Jahre früher getan hätten. Das hieß beispielsweise: Jeder redete von sich, als ob er mitten im Leben stünde: die Pensionierung noch Zukunftsmusik, die Enkel Babys oder erst in Planung. Niemand durfte Ereignisse oder Erlebnisse erwähnen, die nach 1959 stattgefunden hatten. Der Kontrollgruppe dagegen trugen die Wissenschaftler auf, sich lediglich zu erinnern, wie es vor 20 Jahren war. Sie könnten durchaus in Rückblicken schwelgen, sagte man ihnen, dabei aber immer im Auge behalten, dass es nun 1979 sei und sie selbst alt.

Die Ergebnisse der Studie waren atemberaubend. Beide Gruppen wurden "jünger", aber die Teilnehmer der Expe-rimentalgruppe, die sich auch innerlich in die Vergangenheit zurückversetzt hatten, zeigten weit größere Veränderungen. Sie hatten weniger Arthritis in den Händen, konnten ihre Gelenke überhaupt besser bewegen und waren bei manuellen Aufgaben entsprechend geschickter. Ihre mentalen Fähigkeiten waren messbar gestiegen, Gang und Haltung hatten sich verbessert. Neutrale Beobachter, denen die Wissenschaftler Fotos der Männer zeigten, bestätigten, dass sie am Ende des Experiments deutlich jünger aussahen als am Anfang. Mit anderen Worten: Der Alterungsprozess war ein Stückchen zurückgedreht worden. Und das innerhalb von sieben Tagen.

"Diese Studie prägte nicht nur mein Verständnis vom Altern, sondern auch von menschlichen Grenzen im Allgemeinen", schreibt Langer in Counter-clockwise. Im Laufe der Jahre habe sie immer mehr den Glauben verloren, betont sie, dass Biologie Schicksal ist: "Es ist nicht in erster Linie das physische Selbst, das uns Grenzen setzt, sondern vielmehr die mentale Überzeugung, dass es solche physischen Grenzen gibt."

Die Macht der inneren Einstellung hat die Harvardprofessorin, über deren wegweisende Arbeit in diesem Jahr ein Spielfilm in die Kinos kommen soll, bei dem die Hollywoodschauspielerin Jennifer Aniston die Hauptrolle spielt, immer wieder dokumentiert. Selbst ein so handfest scheinendes Konzept wie die Sehschärfe ist nicht vor dem Einfluss unserer Erwartungen gefeit, wie eines ihrer eindrucksvollen Experimente belegt. Eine normale Sehprobentafel, wie sie in jeder Augenarztpraxis hängt, zeigt die größten Buchstaben oben, gefolgt von Zeilen mit immer kleiner werdenden Lettern.

Da Sehtests normalerweise von oben nach unten durchgeführt werden, rechnet der Patient damit, dass er die Buchstaben früher oder später nicht mehr lesen kann. Er wartet förmlich darauf, dass ihn seine Augen im Stich lassen werden. Doch was passiert, fragte sich Langer, wenn man die Tafel umkehrt, sodass die kleinen Buchstaben oben stehen und der Patient mit der Erwartung in den Test geht, dass er die Buchstaben bald lesen kann? Die erstaunliche Antwort: Die Sehkraft verbessert sich. Nahezu alle Teilnehmer ihrer Studie konnten auf der umgekehrten Tafel Zeilen lesen, die sie auf der normalen Tafel bei weitem nicht entziffern konnten. Fazit: Wer seinen Augen vertraut, kann tatsächlich mehr erkennen.

Die meisten Menschen haben recht klare Vorstellungen, was es heißt, älter zu werden. Zu einem Großteil werden sie von Botschaften und Bildern in unserer Umgebung gespeist, die uns suggerieren, wie "das Alter" ist. Danach geht die zweite Lebenshälfte mit Krankheiten und dem Nachlassen der körperlichen Kräfte einher. Werbespots zeigen ergraute Menschen, die schmerzende Gelenke und Vergesslichkeit mit Medikamenten bekämpfen. Vorsorgeuntersuchungen erinnern daran, dass man ab 40 oder 50 mit Brust-, Darm- und Prostatakrebs rechnen muss. In Bus und Bahn hat man als Senior Anspruch auf einen bevorzugten Platz.

Auch Erfahrungen mit Menschen in der nahen Umgebung können beeinflussen, wie man sich das Alter vorstellt. In einer Untersuchung verglich Langer Menschen, die in der Kindheit mit jüngeren beziehungsweise älteren Großeltern zusammengelebt hatten. Das Ergebnis: Wer in jungen Jahren gebrechliche Omas und Opas erlebte, entwickelte negative Vorstellungen über das Alter. Mehr noch: Selbst alt geworden, zeigten sich diese Enkel weniger aktiv, unabhängig und an ihrer Umgebung interessiert als Enkel von rüstigen Großeltern.

Ob man nun alte Großeltern hat oder nicht, negative Stereotype über das Alter haben eine fatale Wirkung: Sie stimmen Menschen darauf ein, dass ihre Fähigkeiten und Kräfte über kurz oder lang abnehmen werden. Ist diese Erwartung erst einmal verankert, dann reicht jeder Hinweis auf die sich addierenden Jahre aus, um sich tatsächlich schlechter zu fühlen.

Das Phänomen ist in der Psychologie unter dem Begriff Priming bekannt. Ein Prime ist ein Signal, das bei einem Menschen bestimmte Assoziationen aktiviert und dadurch spätere Gefühle und Handlungen beeinflusst. Beispiel: Bereits im Kindesalter lernt man, dass ein Doktor eine Autoritätsperson ist. Bei jeder zukünftigen Begegnung mit einer Person im Arztkittel nimmt man dann leicht eine unkritische Respekthaltung ein, ohne es selbst zu merken. Ähnliches passiert beim Thema Alter: Wer einmal gelernt hat, dass Alter körperlichen Verfall bedeutet, ist programmiert, sich von Geburtstag zu Geburtstag immer schwächer und kränker zu fühlen.

Welch starke Wirkung Alterssignale auf die Gesundheit haben, hat Langer in einer ganzen Serie von Untersuchungen gezeigt. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob sich ein älterer Mensch "seniorengemäß" kleidet oder nicht: Sein Outfit hat Einfluss darauf, wie gesund oder krank er ist. Die meisten Menschen passen ihre Garderobe dem Lebensalter an. Mit den Jahren lässt man die Miniröcke und Baggy Jeans sein und sattelt stattdessen auf gemäßigte Schnitte und gedeckte Farben um. Ganz automatisch wird man so durch die Kleidung ständig mit seinem Alter konfrontiert.

Was aber passiert, wenn dieses Signal wegfällt? Uniformträger, so Langers Überlegung, sind der täglichen Mahnung an ihre Lebensjahre nicht ausgesetzt, denn Uniformen sind in der Regel altersneutral. Ein 50-jähriger Polizist muss sich aufgrund seiner Kleidung nicht älter als der 20-jährige Kollege fühlen. Ist er deshalb auch gesünder? Das ist er in der Tat. Die Wissenschaftlerin untersuchte die Krankheitsstatistiken von 206 Berufsgruppen in den USA für die Jahre zwischen 1986 und 1994. Das Resultat: Berufstätige, die Uniformen trugen, wiesen weniger Krankheitstage auf, mussten seltener zum Arzt gehen und ins Krankenhaus eingewiesen werden, blieben von chronischen Krankheiten eher verschont und fühlten sich auch subjektiv gesünder als Berufstätige gleicher Einkommensstufen, die ihre Arbeit in normaler Kleidung verrichteten.

Weitere Studien bestätigen diese Ergebnisse. Männer, die früh ihre Haare verlieren, tragen ein größeres Risiko, an Herzkrankheiten und Prostatakrebs zu erkranken, als gut behaarte Freunde und Kollegen. Der Gedanke "Ich werde alt", dem Glatzköpfige beim Blick in den

Spiegel nur schwer entgehen können, wirkt als Gesundheitshandicap. Wer dagegen Signale bekommt, dass er noch zum jungen Volk gehört (etwa Frauen, die in relativ hohem Alter Kinder bekommen, oder Eheleute mit deutlich jüngeren Partnern) bleibt tatsächlich jung, was sich beispielsweise in einer höheren Lebenserwartung zeigt.

Wie lassen sich solche Ergebnisse erklären? Negative Erwartungen führen oft zu Veränderungen im Verhalten, die zu einer regelrechten Abwärtsspirale des körperlichen Verfalls führen. Rechnet man damit, dass Alter mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen verbunden ist, passt man sein Verhalten unter Umständen so an, dass sich die Erwartung tatsächlich erfüllt oder sogar übertroffen wird. Ein älterer Mensch, der sich wenig bewegt, weil er glaubt, dass seine Kraft altersbedingt abnimmt, wird über kurz oder lang tatsächlich schwächer werden.

Manche Mitmenschen können solche sich selbst erfüllenden Prophezeiungen noch verstärken. Wer seinen alten Eltern alle körperlichen und intellektuellen Herausforderungen des Alltags abnimmt, muss sich nicht wundern, wenn diese mit der Zeit immer unselbständiger werden. Oft sind es auch Ärzte und Pfleger, die durch ihre Vorurteile das Verhalten von Älteren negativ beeinflussen. In einer Befragung von US-Amerikanern und Kanadiern über fünfzig gaben mehr als die Hälfte an, bei ärztlichen Konsultationen schon erlebt zu haben, dass körperliche Beschwerden einfach ihrem Alter zugeschrieben wurden oder sie zu hören bekamen: "Für diese Aktivitäten sind sie zu alt." Erfahrungen älterer Patienten hierzulande dürften nicht anders aussehen.

Was also tun? Die Ratschläge von Ärzten einfach über Bord werfen? Natürlich nicht. Langer ermuntert aber dazu, Stereotype über das Alter nicht ungeprüft hinzunehmen, sondern sich zum Experten und Hüter der eigenen Gesundheit zu machen. Statt zu akzeptieren, was im Allgemeinen bei Krankheit oder Alter nicht mehr geht, sollte man versuchen herauszufinden, was im individuellen Fall machbar ist. "Psychologie der Möglichkeit" nennt sie das. Das Konzept besteht aus zwei Stufen:

1. Zieldefinition: "Wo möchte ich gerne hin?" ist die simple, aber wichtige Anfangsfrage. Das heißt, statt sich wie sonst auf den alternden oder kranken Status quo zu konzentrieren, geht man vom Zustand aus, den man gerne erreichen möchte. Von diesem Startpunkt aus kann man sich dann fragen, wie man das Ziel erreichen oder sich zumindest darauf hinbewegen könnte. Diese subtile Veränderung im Denken bewirkt eine Suche nach echten Verbesserungen und nicht nur nach Anpassungen an den unbefriedigenden Jetzt-Zustand.

2. Wertfreies Ausprobieren: In einem zweiten Schritt gilt es, verschiedene Alternativen zu testen. Dabei sollte man darauf verzichten, sich selbst zu bewerten, sondern nur feststellen, ob ein Versuch erfolgreich war oder nicht. Mit einer wertfreien Haltung gelingt es auch eher, Besonderheiten und Unregelmäßigkeiten des eigenen Körpers wahrzunehmen, die einem Hinweise auf vielversprechende Lösungen geben.

Beispiel Sehschärfe: Die meisten Menschen gehen davon aus, dass die Augen irgendwann zwischen dem 40. und 50. Geburtstag anfangen, schlechter zu werden, und man dann eine Lesebrille braucht. In der Tat belegen Studien die altersbedingte Abnahme der Sehkraft bei einem Großteil der Menschen. Aber heißt das unbedingt, dass jede Unschärfe beim Lesen ein Anzeichen für Altersweitsicht ist? Und hat der Einzelne wirklich keinerlei Möglichkeiten, seine Sehkraft zu stärken? Langer propagiert nicht, auf eine Brille zu verzichten, wenn man sie braucht. Doch sie ermuntert dazu, den Automatismus zu hinterfragen und sich nach kreativen Alternativen und Ergänzungen umzusehen. Aktionsreiche Computer- und Videospiele beispielsweise scheinen das Sehen zu schulen, wie die Psychologen Daphne Bavelier und Shawn Green herausfanden, wahrscheinlich weil die Unberechenbarkeit der Ereignisse die Aufmerksamkeit stärkt. Und auch mit Augenyoga kann man die Sehkraft stärken, was nur wenige Leute wissen. "Wenn wir überhaupt erst einmal die Möglichkeit in Betracht zögen, dass sich unsere Sehkraft verbessern kann, würden wir vielleicht Wege finden, dies auch zu erreichen."

Die "Psychologie der Möglichkeit" geht auch anders an die Interpretation wissenschaftlicher Ergebnisse heran. Üblicherweise wird ein Effekt nur dann als real angesehen, wenn er sich bei einem Großteil der Teilnehmer von Studien feststellen lässt. Vereinfacht gesagt: Eine große Zahl von Affen muss sprechen können, bevor man Affen Sprachfähigkeit attestiert. Bei Langers Herangehensweise reicht ein Teilnehmer aus, um nachzuweisen, dass etwas möglich ist (vorausgesetzt, man hat experimentelle Fehler ausgeschlossen). Wenn also nur ein Affe ein Wort spricht, darf man auf die Kommunikationsmöglichkeiten von Affen schließen. Oder bezogen auf das Sehverhalten: Ein Mensch, der durch Augenübungen schärfer sieht, beweist, dass die Verbesserung der Sehkraft möglich ist.

Eine Verjüngungskur á la Langer heißt vor allem, Achtsamkeit (mindfulness) für den eigenen Körper zu entwickeln. Darunter versteht die Psychologin einen Zustand der Wachheit, in dem man versucht, auf schematisches Denken zu verzichten und möglichst präsent zu sein. Konkret umfasst das Konzept drei wichtige Aspekte: das ständige Hervorbringen neuer Denkmuster, Offenheit für Neues und das Bewusstsein, dass es mehr als eine Perspektive gibt. Unachtsamkeit dagegen ist durch das Gefangensein in alten Kategorien, automatisches Verhalten, durch das neue Signale ignoriert werden, und eine einseitige Sichtweise gekennzeichnet.

Anders als buddhistisch orientierte Konzepte sieht Langer Meditation nicht als Voraussetzung für mindfulness an. Ihre Definition von Achtsamkeit kommt eher dem nahe, was man unter kritischem Denken versteht. Es ist ein konstruktiver, optimistischer und belebender Ansatz. "Aktiv neue Dinge zu beobachten heitert auf, betont sie, "es ist das Gegenteil von ermüdend."

Wer sich genau beobachtet, merkt schnell, so ihre Erfahrung, dass der Körper keine Stabilität und keinen Stillstand kennt, sondern dass sich körperliche Fähigkeiten und Schwächen ständig verändern: Morgens nach dem Aufstehen tun die Knie weh, nachmittags beim Spaziergang funktionieren sie wieder wie in jungen Jahren. Im Büro braucht man ständig einen Inhalator, zu Hause nicht. Die Stimmungsschwankungen sind wie weggeblasen, sobald man mit den Enkeln zusammen ist.

Erhöhte Aufmerksamkeit für die Schwankungen des eigenen Körpers, verspricht Langer, kann die Angst vor körperlichen Gebrechen nehmen und ein Gefühl der Kontrolle verleihen: "Wer sich selbst undifferenziert als alt oder krank etikettiert, wird leicht Erfahrungen in einen Topf werfen, die gar nichts miteinander zu tun haben. Wenn ich beispielsweise Arthritis habe und unter Rückenschmerzen leide, übersehe ich vielleicht, dass mein Bett eine neue Matratze braucht, weil ich automatisch annehme, dass alle meine Schmerzen auf die Arthritis zurückgehen. Sobald ich aber gelernt habe, auf die Schwankungen meines Körpers zu achten, bin ich besser in der Lage zu fragen, was die Gründe für die Veränderungen sind und was ich machen kann, um sie zu kontrollieren."

Viele ältere Menschen beispielsweise klagen, dass ihr Erinnerungsvermögen mit den Jahren immer schlechter werde. Eine achtsame Haltung bedeutet, auf das Pauschalurteil "Ich werde vergesslich" zu verzichten und stattdessen genau zu analysieren, was man wann unter welchen Umständen vergisst. Dabei stellt man höchstwahrscheinlich fest, dass einem nur ganz bestimmte Dinge entfallen, man sich anderes aber sehr gut merken kann. Eine ältere Frau kann sich beispielsweise mittags nicht daran erinnern, welche Schlagzeilen sie beim Frühstück gelesen hat, was ihr früher nie passiert wäre. Wenn sie ehrlich ist, interessiert sie sich einfach nicht mehr so für das politische Tagesgeschehen. Vermutlich also hat sie die Informationen erst gar nicht richtig abgespeichert.

Wer seine Gedächtnisprobleme auf spezifische Weise definiert, der kann auch leichter etwas dagegen tun. Ist beispielsweise nachlassendes Interesse der Grund für die Vergesslichkeit, kann man versuchen, die Neugier wieder anzufachen. Warum nicht mal die Freundinnen in eine Diskussion über die umstrittenen Steuererhöhungen verwickeln oder sich vom jungen Nachbarn erklären lassen, was es mit Google und Twit-ter auf sich hat - dann hat die Zeitungslektüre auch wieder einen Sinn. Oder man stellt fest, dass einen die Erinnerungsschwächen eigentlich gar nicht so stören. Was ist so schlimm daran, etwa eine Weihnachtsfeier zu vergessen, die einen überhaupt nicht interessiert?

Altern bedeutet Veränderung, aber Veränderung muss nicht Verfall bedeuten. Das ist eine der zentralen Botschaften Langers. Ein 80-Jähriger kann höchstwahrscheinlich nicht mehr so Tennis spielen wie zu der Zeit, als er 50 war. Trotzdem kann er versuchen, sein Tennisspiel zu verbessern. "Bei achtsamer Gesundheit geht es nicht um Bewegungs-, Ernährungs- und andere medizinische Empfehlungen, noch darum, diese zu ignorieren", so Langer. "Vielmehr geht es darum, sich selbst von einengenden Überzeugungen zu befreien und von den Schranken, die sie für Gesundheit und Wohlbefinden bedeuten." Warum also nicht mal Augenyoga probieren oder herausfinden, wie man auch mit Arthritis eine passable Rückhand hinbekommt?

Literatur

Ellen Langer: Counterclockwise. MindfuI health and the power of Positive Psychology. Ballantine Books, New York 2009

Ellen Langer: Mindfulness. Da Capo Press, Cambridge (Mass.) 1990

Daniel Kripke u.a.: Mortality associated with sleep duration and insomnia. Archives of General Psychiatry, 59,2002, 131-135

Aus: PSYCHOLOGIE HEUTE, Juni 2010, S. 21-25

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Ändert sich unser Bild vom Alter?


Am 28. Mai 2011 gab es im DLF Freitagvormittags im Rahmen der Sendereihe "Lebenszeit" eine sehr interessante Sendung zum Thema: "Perspektiven- ändert sich unser Bild vom Alter?", an der u.a. auch Joachim Fuchsberger teilnahm. Anlaß für diese Sendung war der Foto- und Filmwettbewerb "Was heißt schon alt" des Bundesfamilienministeriums. Denn Bilder - so heißt es auch im sechsten Altenbericht der Bundesregierung - haben großen Einfluß auf die Verwirklichung von Entwicklungsmöglichkeiten und auch auf den Umgang mit Grenzen. Unser Bild vom Alter ist nicht festgelegt, es ist eine soziale Vereinbarung, die sich abhängig von historischen und kulturellen Rahmenbedingungen verändert.

Was sagen nun die Bilder, die wir uns heute vom Alter und vom Altern machen über uns und unsere Gesellschaft aus? Stimmen sie mit der Wirklichkeit überein? Wie hat sich das Bild vom Alter verändert? Wie sehen sich Menschen, die heute alt sind und wie werden sie im Unterschied dazu von ihrer Umgebung gesehen? Welches Bild von sich entwickeln Jüngere, wenn sie an sich selbst als alte Menschen denken und was tun sie, um dieses Bild von sich zu realisieren?

Download der Sendung: Lebenszeit: Neue Bilder vom Alter- neue Perspektiven?


Zu den Ergebnissen des Wettbewerbs: "Was heißt schon alt?"


Zum PDF-Download des 6. Altenberichts der Bundesregierung


Zum in der Sendung angesprochenen Altensportler-Dokumentarfilm: "Herbstlaub" - Wettlauf gegen das Alter


Zu Joachim Fuchsbergers Buchveröffentlichung: "Alt werden ist nichts für Feiglinge"


Zum von Joachim Fuchsberger angesprochenen Fernsehfilm: "Die Spätzünder"



Generation Grau


Viele Rentner, zu wenige Kinder, noch weniger Enkel, stagnierende Wirtschaft... Aus solcher Zwischenbilanz eine unabwendbar trostlose Zukunft in einem vergreisenden Land abzuleiten, ist falsch. Die "Neuen Alten" haben ein unschätzbares Kapital: Zeit. Und Lust, sie sinnvoll zu nutzen: Um Neues zu lernen. Um ihre Erfahrungen weiterzugeben. Um sich sozial zu engagieren - zum Wohle der Jungen. Generation Grau

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